"Wo bleibt die europäische Identität?"

Guy Verhofstadt und Jean-Luc Dehaene, zwei ehemalige belgische Premierminister, die für das Amt des Europa- Abgeordneten kandidieren, stellen sich den Fragen von etwa 20 Europäern, die in Belgien wohnen und wahlberechtigt sind.
Dieses Diskussionsforum im Europäischen Parlament in Brüssel fand auf Initiative von 'flanderninfo.be", "flandersnews.be"  und "flanderinfo.be", den deutsch-, englisch- und französischsprachigen Webseiten unseres Senders VRT statt.

„Warum geht die Wahlbeteiligung zum Europäischen Parlament in den letzten Jahren stetig zurück?“, will zum Beispiel die in Belgien lebende deutsche Journalistin Renate Kohl-Wachter wissen. Und der niederländische Schriftsteller Benno Barnard fragt, ob eine gesunde Form des europäischen Patriotismus möglich sei.

„Die europäische Demokratie ist immer noch keine echte Demokratie“, fasst Guy Verhofstadt das Problem zusammen und Jean-Luc Dehaene fügt hinzu: „Wir müssen die europäische Identität spürbarer machen!“
In Belgien habe man ein ähnliches Problem, nämlich auch keine echte belgische Identität, so Dehaene. Er ist deshalb überzeugt, dass ein gemeinsamer europäischer Pass helfen könnte oder das systematische Hissen der europäischen Fahne neben der jeweiligen Landesflagge, um die Einheit in der EU und die gemeinsame europäische Kultur erlebbar zu machen. Außerdem schlägt er europäische Botschaften im Ausland und einen europäischen Führerschein vor.

Guy Verhofstadt meint selbst, dass wir vielleicht eine europäische Armee brauchen könnten. Auch fände er transnationale Wahllisten als Symbol für die europäische Einheit gut.

Wo sollen die Grenzen Europas verlaufen?

Ein weiteres heiß diskutiertes Thema des Forums behandelt die EU-Erweiterung, vor allem geht es darum, wo denn Europas Grenzen verlaufen sollten? Die deutsche Journalistin, Heide Newson und der belgische Schriftsteller, Geert Van Istendael, richten ihr Augenmerk dabei auch auf die Türkei.
Auf die Frage des französischen EU-Beamten, François Bégeot, welches denn das größte Hindernis der EU auf ihrem Weg zum Global Player in der Welt sei, antwortet Dehaene: „Die wichtigste Voraussetzung hierfür ist, dass Europa mit einer Stimme spricht und sich dementsprechend organisiert.“

Natürlich werden auch die Wirtschaftskrise und Fragen zu Energie und Klimaschutz angesprochen. Verständlich also, dass ausgerechnet die aus Estland stammende Heddy Raudsepp wissen will, wie die EU künftig eine permanente Energieabhängigkeit verhindern wolle.

Belgien, Testfall für Europa?

Am Ende werden im Forum auch Belgien und die EU diskutiert, ein besonders spannendes Thema, denn oft wird Belgien als Vorbild oder Testfall für Europa dargestellt. „Wenn das Zusammenleben in Belgien nicht klappt, wie soll es dann bei 27 Mitgliedstaaten klappen“, fragt sich der VRT- Europakorrespondent Rob Heirbaut (Foto), der das Forum moderiert.
„Einerseits einigen wir uns, andererseits sind wir uns wieder uneins, aber solange man immer wieder miteinander auskommt, ist das doch in Ordnung“, so Jean-Luc Dehaene hierzu.

Auf die abschließende Frage der Polin Maja Wolny, welches Projekt die Kandidaten, falls sie gewählt würden, absolut realisieren wollten, lautet die Antwort des Liberalen Verhofstadt, „eine echte Demokratie in Europa aufbauen“ und die des Christdemokraten Dehaene schließlich, „den Lissabonner Vertrag umsetzen".