Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom

Die digitale Revolution spalte die Generationen, warnen in jüngster Zeit seriöse Fachpublikationen. Den Jungen („digital natives“) würden die neuen Medien iPod, Handy und Internet in die Wiege gelegt. Ältere Menschen, „digital immigrants“, die erst im Laufe ihres Erwachsenenlebens mit der neuen Technologie in Kontakt gekommen sind, hätten dagegen schon Schwierigkeiten, ihre e-mails zu öffnen.
Die Älteren empfänden sich als abgehängt. Die Jüngeren hingegen reagierten auf die Reizüberflutung mit Multitasking, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom und unterentwickelten Frontallappen.

Nun, das klingt gar nicht gut. Aber wenn es um die Europawahlen geht, dann darf die EU nicht beiseite stehen, dann muss - Frontallappen hin oder her – das Verständigungsproblem mit Blick auf junge Leute, vor allem Erstwähler, beherzt angegangen werden. Am besten vor dem 7. Juni und im Internet.

Und so tat das Europäische Parlament im Mai den Medien kund, dass es Profile auf Facebook (mehr als 175 Millionen Nutzer), MySpace (mehr als 250 Millionen Nutzer) und Flickr erstellt habe, „um die Europawahl stärker ins Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zu rücken.“

Geht nun ein Ruck durch Europa? Wir haben Erstwähler an der Europäischen Schule Brüssel III (Ixelles) befragt. Ergebnis: MySpace und Facebook wurden für überflüssig befunden.

Dort, so die Europäerkinder, gebe es vor allem Links zu anderen Seiten. Vermutlich sollen sie ja aber auch nur die Klickraten der offiziellen EU-Websites erhöhen? Außerdem registrierten die Digital natives, dass an den Diskussionen dort kaum jemand teilzunehmen scheint. „Ich würde es auch nicht,“ sagt meine Tochter, „weil sie so unproduktiv sind!“

Aber Youtube? Ruckelt das wenigstens? In der Tat – hier scheint Europa mehr Zugang zu den Eingeborenen des Informationszeitalters gefunden zu haben.

„Die meisten Filme sind,“ so das Erstwähler-Votum, „was das Kreative angeht, sehr, sehr gut gemacht und eine gute Werbung für Europa, weil sie überhaupt nicht spießig oder langweilig oder pseudo-jung sind.“ Sie vermittelten ein positives Bild von Europa und „helfen, wenn man ganz ahnungslos ist.“

So positiv eingestimmt wagt auch der digitale EUmigrant mal einen Blick auf youtube. Angesichts der vielen bunten Filmchen erfasst einen aber, was Karl Kraus einst „vorm Zettelkasten seekrank Werden“ nannte. Sofort schrumpft der Frontallappen und bekommt man das digital native-typische Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom. Da hilft nur eines der beliebtesten EUtube Videos: „Brussels press corps in action...“

http://www.youtube.com/watch?v=Xd-fT9UOjOI&feature=channel_page
Europäisches Parlament auf MySpace:
http://www.myspace.com/europeanparliament

Renate Kohl-Wachter