Mehr europäisches Denken ja– Einmischung: nein danke.

Frage nicht, was Europa für dich tun kann, sondern, was du für Europa tun kannst! Diese lobenswerte Einstellung hat sich in Österreich leider noch nicht durchgesetzt. Zu groß ist die Sorge, von der EU übervorteilt zu werden.
Die Tücke liegt im Detail: Aus einer repräsentativen Umfrage (Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft; Quelle: Der Standard) geht hervor, dass zwei Drittel der ÖsterreicherInnen der EU prinzipiell positiv gegenüberstehen. Im Einzelnen offenbart sich aber eine skeptische bis misstrauische Grundeinstellung.

Die Sorge, als „kleiner Fisch“ im EU-Tümpel von europäischen Vorgaben überrollt zu werden, teilt eine Mehrheit der ÖsterreicherInnen. 54% ist der Meinung, dass die EU sich zu viel in innenpolitische Fragen einmischt und dies, so ein Fünftel, besser ganz bleiben lassen sollte. Andererseits kritisieren ganze 70 Prozent den Umstand, dass die EU-Mitgliedsstaaten nur nationale Interessen durchsetzen wollen, anstatt ihr eigenes Wohl Europa gegenüber hintanzustellen.

Österreich misst sich und andere EU-Länder mit verschiedenen Maßstäben. Kann man daraus schlussfolgern, dass ÖsterreicherInnen mehr fordern als sie zu geben bereit sind, um zu kompensieren, dass sie ihr Land in der EU nicht als vollwertig empfinden?
Die Ursachen, weshalb „wir“ nicht zu den enthusiastischen europäischen Teamplayern gehören, sind komplex und sicher nicht in einem Blog abzuhandeln. Trotzdem zwei kleine Erklärungsversuche:

Erstens: In Österreich wird die EU als ein in seinen Strukturen und Entscheidungsmechanismen undurchsichtiges Gebilde wahrgenommen, in dem das Recht des Größeren, des Stärkeren, des Lobbyisten herrscht.

Zweitens überschattet die anti-europäische Stimmungsmache der rechtspopulistischen Parteien (FPÖ und BZÖ) mit grellen Slogans wie „Für Österreich da statt für EU & Finanzmafia“ (man beachte den eleganten Reim!) oder „Abendland in Christenhand“ wieder einmal die seriös geführten Debatten des österreichischen EU-Wahlkampfes.
Ein Licht am Ende des Tunnels der EU-Skepsis kommt von unerwarteter Seite: Die Wirtschaftskrise macht die ÖsterreicherInnen europäisch anlehnungsbedürftiger. Eine große Mehrheit von 78 Prozent sieht den Euro als Stabilitätsfaktor in unsicheren Zeiten und geht davon aus, dass die EU wirtschaftlich und politisch gestärkt aus der Krise hervorgehen wird. (Umfrage „Der Standard“, 18/19. März 2009, 797 Befragte)

Ob dieses neugewonnene Vertrauen sich allerdings in der Wahlbeteiligung widerspiegeln wird, ist fraglich. Die Prognosen für den 7. Juni suggerieren einen bis dato nicht gekannten Tiefstand: nur 21 Prozent der ÖsterreicherInnen wollen an der Wahl teilnehmen (im Vergleich zu einem EU-weiten Schnitt von 34 Prozent und einer belgischen Prognose von 70 % Wahlbeteiligung).

Dies sollte umso mehr ein Grund für die österreichischen „Expats“ sein, ihr Mitbestimmungsrecht geltend zu machen und ihr Scherflein beizutragen. Wie nehmen AuslandsösterreicherInnen in Belgien die EU und Österreichs Rolle und Interessen darin wahr? Mehr dazu im nächsten Blog. (Quelle: Der Standard)

Zur Autorin

Eva Steindorfer ist Dozentin für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Antwerpen und Geschäftsführerin des Österreichzentrums Antwerpen. Sie lebt seit 4 Jahren (sehr gerne) in Belgien.