Kriek und Fritten – Wahlkampf à la belge

Es fing ein wenig schleppend an – aber mittlerweile haben wir gefühlte 2 Kilo Wahlkampfbroschüren des MR aus unserem Postkasten geklaubt. Die liberalen Kandidaten werben alle zusammen oder auch einzeln auf verschieden großem Glanzpapier dafür, etwas neu zu erfinden. Bei der Regionalwahl Brüssel. Bei der Europawahl Europa.
Man muss es ihnen lassen, sie waren - nach meinem Eindruck - auch die einzigen, die bei einer Diskussionsveranstaltung am 19. Mai bei uns in Etterbeek mit Frédérique Ries MdEP ihren Wählern auch eine Kandidatin für das Europäische Parlament persönlich vorstellten.

Das Thema war „L’Europe: Une tirelire pour Bruxelles?“ und hat insofern seine Berechtigung, als Etterbeek am Rande des Europaviertels liegt und den höchsten EU-Europäeranteil von allen 19 Brüsseler Gemeinden hält.

Am Wochenende davor hatte die MR-LB Sektion Etterbeek auf dem Place Jourdanplein sogar ein oktoberfestoides Bierzelt errichten lassen, das der Begegnung zwischen Kandidaten und Volk diente.
Krieg und Frieden? Nein, für Kriek und Fritten warb der Handzettel. Zur Happy Hour sollten Kirschbier und Pommes (+ Sauce!) nur 4.50 Euro kosten: „Profitez-en!“ Vincent de Wolf, Bürgermeister von Etterbeek und Kandidat Nummer 11 „à la région“, war überall überlebensgroß plakatiert.

Françoise Bertieaux, Nummer 2 bei den Regionalwahlen, saß persönlich auf einer harten Bierbank. Diese Aktion war verdienstvoll, denn, ganz ehrlich, der EU-Ausländer, der immer noch in seiner alten Heimat europawählt, schafft es spielend, von den belgischen Regionalwahlen gar nichts mitzubekommen.

Die Innenpolitik seines Gastlandes bleibt ihm meist ein Buch mit sieben Siegeln. Wer in Brüssel lebt, weiß kaum etwas von Flandern oder der Wallonie. Schockiert nimmt man zur Kenntnis, dass die Weltanschauungsparteien wie das ganze Land in Sprachgruppen zerfallen und dadurch ein Ausgleich von regionalen Interessengegensätzen zum Beispiel in Sachen Fluglärm dauerhaft vereitelt wird. Auch das regelmäßig, sogar bei den Europawahlen, auftauchende Problem Brüssel-Halle-Vilvoorde – für Eingeweihte BHV - durchdringen Andersnationale nicht wirklich.
Da ist es schon gut, wenn die Politiker im Wahlkampf die komplexe belgische Innenpolitik ein wenig erklären wollen. Allerdings scheinen die anderen Parteien - außer auf den eigens errichteten Plakatwänden – in Etterbeek nicht so omnipräsent zu sein wie der MR des Bürgermeisters.

Immerhin verspricht auf den Wurfsendungen der Sozialisten Charles Picqué, er werde Brüssel verteidigen – mit uns! Da trifft er einen Nerv der Demokratie. War nicht die Pflicht, von den hohen Zinnen herunter das Gemeinwesen gegen seine Feinde zu verteidigen, Voraussetzung für die Freiheit der Städter?

Picqué verspricht sogar noch, dass er weiterkämpfen werde gegen jene, die Brüssels fantastische Vorzüge nicht zu würdigen wüssten. Eine grüne Broschüre war übrigens als erste im Postkasten gewesen: Ecolo hatte schon Ende März zu einem Frühlingsfest ins „Bouche à oreille“ geladen.

Die vorerst letzte unverlangte Wurfsendung kam am 23. Mai und zeigte Erland Pison, den Kandidaten Nr. 5 des Vlaams Belang. Er kniete neben einem Hund und einem Wahlzettel mit 5 Plätzen. Auf der Rückseite stellte der Kandidat 5 Forderungen, die höflicherweise auf französisch übersetzt waren. Das Hauptanliegen des 34jährigen Kandidaten: Sicherheit.
Von den offiziellen Plakatwänden abgesehen, wird cdh besonders in der Chaussée Saint-Pierre beworben. Kein Wunder, André du Bus, der Gegenspieler Vincent De Wolfs im Gemeinderat und bei den Regionalwahlen Nummer 5 auf der cdh-Liste, wohnt hier im ältesten Haus Etterbeeks, der Baronnie de Castro.

Auf der Place Saint-Pierre sieht man dann auch einmal den Front National Belgien mit einem Besen zum politischen Kehraus auffordern („Lasst sie die Rechnung bezahlen!“) neben einem kommunistischen Plakat, der Liste Dedecker („Gezond Verstand“) und anderen.

Mehr Aufmerksamkeit erregt aber ein für Belgier viel wichtigerer Event: Eine „super brocante“, für die auch geworben wird, findet schon am Tag vor den Europa- und Regionalwahlen an der Place Van Meyel statt. Nur einen Steinwurf vom Etterbeeker Gemeindehaus entfernt. Neben altem Hausrat und Kleidern gibt es auch dort Kriek und Fritten.