Expats in Belgien - Keine EU-Muffel

Der EU-Fragebogen des Österreichzentrums Antwerpen beweist: EU-Müdigkeit ist für die österreichischen Expats kurz vor der EU-Wahl kein Thema - trotz bürokratischer Hürden und Informationsrückstand. Macht die Nähe zu Brüssel Europa erlebbarer?
71 Prozent der Befragten werden wählen gehen und begründen dies damit, dass „ich es als meine Pflicht ansehe und ich mitbestimmen möchte“, „ich auf jeden Fall von meinem Recht, meine Unionsbürgerschaft bei Wahlen zu bekunden, Gebrauch machen will“, „ich denke, dass es mindestens genauso wichtig ist, sich mit den Wahlen der EU wie auch Österreichs auseinanderzusetzen.“

Die Wahlverweigerer nennen bürokratische Hürden wie die Einschreibung in die Wählerevidenz als Hinderungsgrund.

Es scheint vor allem eine Sache des persönlichen Engagements zu sein, sich im Ausland die nötigen Wahl-Informationen zu beschaffen. 43 Prozent fühlt sich über die EU-Wahl nicht ausreichend informiert, der informierte Rest hält sich über das Internet auf dem Laufenden.

Ein großes Informationsmanko wird konstatiert, was den österreichischen EU-Wahlkampf betrifft. Auch hier herrscht der Tenor, dass Eigeninitiative zählt, wenn man davon etwas mitbekommen will.
Bei der Frage, welche Themen besonders wichtig sind und im Wahlkampf mehr thematisiert werden müssten, dominieren Energiepolitik und Klimaschutz sowie konkrete Konzepte für die Wirtschaftspolitik im Kontext der weltweiten Finanzkrise.

Auch über die EU-Erweiterungs- und Asylpolitik wünscht man sich mehr Diskussionen und tiefergehende Information.

Hat sich Ihr Bild von Europa verändert hat, seit Sie in Belgien leben? Ja, antwortet ein Drittel der Befragten und begründet dies mit „mehr Einblick in die Standpunkte von Bürgern anderer Mitgliedsstaaten“ und der Erkenntnis, „wie wichtig eine politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit für ganz Europa ist“.

Und wie nehmen Sie Österreich wahr? Mehr als die Hälfte gibt an, dass sich in Belgien ihr Bild von Österreich verändert hat und führt dies größtenteils auf die Erfahrung zurück, dass man sein Herkunftsland nur mehr eingeschränkt bzw. in einem allgemeineren Kontext wahrnimmt.

Dabei wird auch angemerkt, dass das Selbstbild der ÖsterreicherInnen und die Art und Weise, wie sie von anderen Ländern wahrgenommen werden, nicht unbedingt übereinstimmen.
Defizite der EU orten die Befragten in einem Mangel an Demokratie, einer schlechten Informationspolitik speziell an Schulen und Hochschulen, wo den zukünftigen EU-Bürgerinnen und Bürgern EU-Mündigkeit beigebracht werden sollte, einer unzureichenden Außen- und Sicherheitspolitik sowie dem fehlenden Willen der Mitgliedsstaaten, eine „vollständige Umsetzung der Idee EU zuzulassen“.

Pluspunkte erhält die EU als Währungsunion, in der Wirtschaftspolitik und in den Bereichen Konsumentenschutz, Mobilität (Schengen) und dem Auftreten nach außen.

Welchem Anliegen würden Sie sich widmen, wenn Sie selbst Europaabgeoordete/r wären? Auch darauf haben die Befragten (auch die Wahlmuffel) klare Antworten parat: Das Spektrum reicht von der Kontrolle der Kartelle und internationalen Unternehmen über Klimaschutz, europäische Asylrichtlinien, Sicherheitspolitik bis zum Eintreten für mehr soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung der Mitgliedsstaaten.

Man würde sich wünschen, dass diese kleine Stichprobe alle Umfragen der Meinungsforschungsinstitute Lügen straft. Jedenfalls bleibt der erfreuliche Eindruck, dass die Nähe zu Brüssel das Interesse an Europa stärkt oder zumindest wachhält. Die österreichischen Expats dürfen sich zu den vorbildlichen Europäern zählen. Hut ab!