Politische Dynastien – Typisch belgisch?

In Belgien herrscht eine politische Erscheinung vor, die in anderen Ländern kaum derart ins Auge fällt. Auf den Kandidatenlisten der Parteien finden sich sehr oft Söhne und Töchter von bekannten Politikern. Politische Dynastien gehören hier zum Alltag, auch wenn diese Art Erbe in den Nachbarländern gerne belächelt wird.
Manchmal sorgen diese politischen Dynastien aber auch für Probleme innerhalb der Parteien.
So verließ Patricia De Waele an Ostern ihre Partei, die flämischen Liberalen Open VLD in Richtung Lijst Dedecker (LDD). Der Grund? Ihr wurde ein unbedeutender Listenplatz zugewiesen, da Jean-Jacques De Gucht Anspruch auf einen aussichtsreichen Platz erhob. Wer ist Jean-Jacques De Gucht? Er ist der Sohn des belgischen Außenministers Karel De Gucht.

In Belgien liegen viele Möglichkeiten vor, den eigenen politischen Nachwuchs in Stellung zu bringen: Kommunalwahlen, Provinzwahlen, Regionalwahlen und die föderalen Parlamentswahlen. Davon wird ausgiebig profitiert.
Bei den anstehenden Europa- und Regionalwahlen fallen in dieser Hinsicht besonders die flämischen Liberalen Open VLD und die flämischen Sozialisten SP.A auf. So hat bei den Liberalen, wie oben schon bemerkt, Außenminister Karel De Gucht seinen Sohn Jean-Jacques in Stellung gebracht. So hat der ehemalige Bundesminister und frühere Kammervorsitzende Herman De Croo gleich zwei Sprösslinge auf Listen stehen: Seine Tochter Ariane und seinen Sohn Alexander.
Mit Eva Vanhengel stellt sich die Tochter des Brüsseler Regionalpolitikers Guy Vanhengel zur Wahl und zwar ebenfalls in der Hauptstadt-Region. Mit Willem-Frederic Schiltz haben die flämischen Liberalen sogar den Sohn eines ausgesprochenen flämischen Nationalisten aufstellen können. Er ist der Sohn des vor einigen Jahren verstorbenen Volksunie-Politikers und Staatsrechtlers Hugo Schiltz. Die hier genannten Dynastien sind nur eine Auswahl derer, die die Open VLD vorweisen kann.

Auch die SP.A mobilisiert die Kinder ihrer Vorreiter

Bei den flämischen Sozialisten fällt die ehemalige Bundeshaushaltsministerin Freya Van den Bossche auf, die von ihrem Vater Luc Van den Bossche schon kurz nach Beendigung ihrer Studien in die föderale Politik gelotst wurde.
Mit 30 war sie schon Vizepremier und Bundesministerin und steht jetzt in der Provinz Ostflandern wieder zur Wahl.

Mit Hilde Claes hat der ehemalige Spitzenpolitiker und Ex-Nato-Generalsekretär Willy Claes seine Tochter schon jahrelang im Geschehen und der ehemalige Bundesumweltminister Bruno Tobback ist der Sohn von Louis Tobback – jahrelang führender Bundespolitiker und heute Bürgermeister in Löwen.

Mit Maya Detiège steht heute auch die Tochter der ehemaligen Bürgermeisterin von Antwerpen, Leona Detiège in Stadt und Provinz in vorderster Front für die SP.A.

Flanderns führende christdemokratische Dynastien

Die großen flämischen Christdemokraten der vergangenen Jahre haben quasi alle ihre Kinder in die Politik geschleust.
So stehen bei den Regionalwahlen gleich vier junge Politikerinnen und Politiker von CD&V-Altvorderen in Stellung. Ex-Premier Jean-Luc Dehaene zum Beispiel, heute Bürgermeister der Brüsseler Randgemeinde Vilvoorde und Spitzenkandidat für die CD&V-Europaliste, brachte seinen Sohn Tom in Stellung.

Mit Anne Martens ist die Tochter des früheren belgischen Premiers und heutigen führenden EVP-Politikers auf europäischer Ebene, Wilfried Martens politisch aktiv. Und Peter Van Rompuy, der Sohn des amtierenden belgischen Premierministers Herman Van Rompuy, steht ebenfalls in den Startlöchern.
Die Familie Van Rompuy ist sowieso sehr stark vertreten. Auch Hermans Bruder Eric ist als Bundespolitiker schon lange im Geschäft und mit der linken flämischen Arbeiterpartei pvda+ sorgt deren Schwester Christine für Konkurrenz im gegnerischen Lager.

Mit Staatsminister Marc Eysekens steht seit vielen Jahrzehnten schon der Sohn des Nachkriegs-Premierministers Gaston Eysekens bei den Christdemokraten an vorderster Front - heute vielleicht weniger als früher, doch als Fachmann und erfahrener Staatsrechtler ist seine Meinung noch immer sehr gefragt.

Ähnliches Phänomen auch in anderen Parteien und Regionen

Dias Phänomen der politischen Dynastien besteht aber nicht nur bei den traditionellen Parteien in Flandern. Auch bei Rechtspopulisten oder Rechtsradikalen, die zwar die klassischen Parteien deswegen angreifen, kommt so etwas vor. Vlaams Belang-Gründer Karel Dillen brachte seine Kinder Koen und Marijke mit in die Partei.
In der französischsprachigen Wallonie kommen politische Dynastien auch vor, wenn auch in kleinerem Umfang. So ist Vize-Premier- und Bundessozial- und Gesundheitsministerin Laurette Onkelinx von den Sozialisten der PS die Tochter des langjährigen Abgeordneten Gaston Onkelinx.

Frédéric Daerden ist der Sohn des Regionalpolitikers und amtierenden wallonischen Finanzministers Michel Daerden und Alain Mathot ist der Spross des früheren führenden Lütticher Sozialisten Guy Mathot.

Bei der frankophonen Zentrumspartei CDH fallen zwei Politiker mit dem Namen Melchior Wathelet auf. Melchior sen. ist ehemaliger belgischer Justizminister und heute am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg tätig und Melchior jun., dessen Sohn, ist derzeit amtierender Staatssekretär für Haushalt und Familien in der belgischen Bundesregierung.

Bei den frankophonen Liberalen MR ist der heutige belgische Entwicklungshilfeminister Charles Michel der Sohn des langjährigen belgischen Bundesministers und heutigen EU-Entwicklungshilfekommissars Louis Michel.