Wer muss wählen? Wer darf wählen?

Alle Belgier, die Wahltag mindestens 18 Jahre alt sind, müssen ihre Stimme abgeben. Wer nicht wählen will, der muss quasi weiß wählen oder eine ungültige Stimme abgeben. Ein Fernbleiben im Wahllokal zieht eine Bestrafung nach sich.
Im Klartext bedeutet das, dass in Belgien Wahlpflicht herrscht, aber keine Verpflichtung, auch seine Stimme abzugeben.

In den ersten Jahren des Bestehens des 1830 gegründeten Königreichs Belgiens brauchten in unserem Land lediglich einige Männer zur Wahl zu gehen, je nach Einkommen, beziehungsweise, je nach der Steuersumme, die diese an den Staat entrichtet hatten.
Auf diese Weise hatten lediglich reiche Bürger in der Monarchie Einfluss auf die Zusammenstellung des Parlaments.

Seinerzeit bestimmten nicht einmal 50.000 Personen über das parlamentarische Los einer mehr als 4 Millionen Bürger zählenden Bevölkerung.

Nach den blutigen Arbeitskämpfen und sozialen Streitigkeiten im Land wurde 1893 die allgemeine und mehrstimmige Wahlpflicht eingeführt.

Danach mussten alle Männer ab 25 Jahre wählen gehen - die ersten Schritte der Wahlpflicht in Belgien.

Männer, Einkommensniveau, Bildungsgrad

Doch Männer, die einen bestimmten Zins entrichtet hatten oder die über einen bestimmten Bildungsgrad verfügten, durften bis Stimmen abgeben. Also blieb den „besser Gestellten“ immer noch ein größerer Einfluss auf die Politik des jungen Staates.

Ab 1919, also kurz nach dem Ersten Weltkrieg - der in Belgien schwere Wunden geschlagen hatte, wurde die allgemeine Wahlpflicht eingeführt, die den Wahlberechtigten jeweils eine Stimme einräumte. Stand, Einkommen oder Bildungsgrad der Wähler hatten also keinen Einfluss mehr.

Frauenwahlrecht, Einwanderer dürfen wählen

Im Laufe der Jahre wurde das Wahlalter stufenweise nach unten korrigiert. Zuerst durften alle Männer ab 21 wählen gehen.
Erst 1948 wurde auch das allgemeine Wahlrecht - natürlich inklusive Wahlpflicht - für die Frauen eingeführt. 1981 wurde das allgemeine Wahlrechtsalter ein weiteres Mal verringert und zwar auf 18 Jahre, seit dem das Alter der bürgerlichen Volljährigkeit in Belgien.

Ein weiterer großer Reformschritt im belgischen Wahlgesetz war die Einführung des Wahlrechts für Einwanderer. Seit 2004 dürfen sich Ausländer, die seit mehr als vier Jahren in Belgien leben, auf Provinz- und Kommunalebene, in die Wahllisten eintragen.

Haben sie diesen Schritt vollzogen, dann unterliegen sie für die Dauer ihres Aufenthaltes in Belgien der Wahlpflicht!