Van Rompuy, eine Biografie

Premierminister von Belgien ist der flämische Christdemokrat Herman Van Rompuy nur widerwillig geworden. Bewältigt hat er dieses schwierige Amt bislang allerdings mit Bravour. Nun tritt Van Rompuy ein neues Amt als ständiger EU-Ratspräsident an.

Kurz nach 19.00 Uhr am Donnerstag stand es schon fest: Belgiens Regierungschef, der flämische Christdemokrat Herman Van Rompuy, wird der erste Ratspräsident der Europäischen Union. Er darf sich jetzt - obschon er dieses Amt nicht anstrebte - europäischer Präsident nennen.

Als gelassen, entschlossen, tiefgläubig und bescheiden: So wird der 62-jährige Herman Van Rompuy gerne umschrieben.

Ausgerüstet mit diesen Charakterzügen steht ihm nun eine europäische Karriere bevor, von denen seine Vorgänger, Himmelsstürmer Guy Verhofstadt (Open VLD) und politisches Schwergewicht Jean-Luc Dehaene (CD&V) lange geträumt haben: An den für seine Diskretion berüchtigten und vielen vielleicht als zu intellektuell wirkenden Van Rompuy wurde das Amt des höchstrangigen Europäers herangetragen.

Philosoph und Dichter

Geboren wird Herman Van Rompuy in der Brüsseler Gemeinde Etterbeek, im Oktober 1947. Er studiert Philosophie und absolviert danach ein Doktorat in Wirtschaftswissenschaften an der Katholischen Universität von Leuven. 

Verheiratet mit Geertrui Windels und Vater von vier Kindern zieht Van Rompuy sich zur spirituellen Besinnung noch stets regelmäßig in die Abtei von Affligem zurück. 

Der tief gläubige Politiker pflegt auch eine künstlerische Ader:  Van Rompuy schreibt "Haikus", japanische Verse von jeweils drei Zeilen von fünf, sieben und fünf Silben. Sogar bei der Vorstellung des neuen Trios an der Spitze der Europäischen Union, vor wenigen Wochen, zitierte Herman Van Rompuy einen selbst gedichteten Haiku.

Politisch erzogen

Herman Van Rompuy ist in einer politisch aktiven Familie aufgewachsen: Sein Bruder Eric war Landesminister und ist heute im flämischen Parlament vertreten. Sein Sohn Peter ist Mitarbeiter von Verteidigungsminister Pieter De Crem (CD&V). Seine Schwester Tine (Foto) profiliert sich als ausgesprochen links und kandidierte in diesem Jahr auf der Europaliste der linksextremen  PVDA+.

In den 70er Jahren ist Herman Van Rompuy Vizevorsitzender der jungen CVP und Berater der CVP-Minister Leo Tindemans und Gaston Geens. Ab 1980 leitet er das Studienzentrum der flämischen christdemokratischen Partei. 

Hinter den Kulissen spielt Van Rompuy auch eine wichtige Rolle bei der Bildung der Regierungen von Wilfried Martens und Jean-Luc Dehaene.

Im Hintergrund

Erst 1988 tritt Van Rompuy auf der politischen Bühne in den Vordergrund. Er wird Vorsitzender der CVP. 1993 tritt er die Nachfolge von Mieke Offeciers als Haushaltsminister und Vize-Premierminister an. In dieser Funktion kann er das belgische Haushaltsdefizit spürbar senken.

Als Jean-Luc Dehaene 1994 als Vorsitzender der EU-Kommission getippt wird, sieht es aus, als würde Van Rompuy ihm als Premierminister nachfolgen. Aber Dehaenes Kandidatur wird vom britischen Premier John Major abgelehnt.  Herman Van Rompuy scheint erleichtert, dass dieser Kelch an ihm vorübergeht.

Nachdem die CVP wegen der Dioxinkrise die Oppositionsbank drücken muss, scheint Van Rompuys politische Karriere als Abgeordneter auszuklingen.

Aus der alten CVP wird inzwischen die neue CD&V. Shootingstar ist der flämische Ministerpräsident Yves Leterme, der die Landtagswahlen 2004 und die Bundeswahlen 2007 gewinnt.

Leterme wird neuer Bundespremierminister und Herman Van Rompuy bekommt zum Karriere-Ausklang den Posten des Kammervorsitzenden serviert. 

Dass die Politik für große Überraschungen sorgen kann, zeigt sich, als "Bruchpilot" Yves Leterme nach der Fortis-Affäre zum Rücktritt gezwungen wird. 

Die Zeiten sind reif für einen echten Staatsmann, der das Land, das am Streit zwischen Flamen und Frankophonen zu scheitern droht, wieder in ruhigere Gewässer lotst. Doch es verlangt hartnäckige Überzeugungsarbeit, um Herman Van Rompuy zu diesem Schritt zu bewegen. Am 28. Dezember 2008 legt er schließlich den Eid als Premierminister ab.

In nur einem Jahr gelingt es Van Rompuy die belgische Regierung betriebstauglich zu machen. Mit "ruhiger Entschlossenheit", wie es seine Lieblingsdichterin Henriëtte Roland-Holst formulierte, steuert er das Schiff durch die wirtschaftlich stürmischen Zeiten.

Den europäischen Staats- und Regierungschefs ist diese Fähigkeit wohl nicht entgangen. "Wir wissen alle, dass wenn man Belgien auf einen Nenner bringen kann, man auch die nötigen Kompetenzen besitzt, um 27 Länder zusammenzubringen", sagte ein dänischer Journalist vor einigen Tagen.

Die Geschichte eines Mannes, der bis vor Kurzem noch am Ende seiner politischen Karriere angelangt schien, erhält relativ plötzlich die Chance, um die Zukunft der Europäischen Union aktiv mitzugestalten. 

Im Duo mit einer Frau

Die 27 Mitgliedstaaten haben sich auch darauf geeinigt, wer den zweiten hohen Posten bekleiden wird: Hoher Vertreter der Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union wird die Britin Catherine Ashton. 

Ashton, die der Labour-Partei angehört, war bislang europäische Kommissarin für Handel.