Weihnachtsansprache von König Albert II.

Am Heiligabend wird vor den Mittagsnachrichten der öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten des Landes die Weihnachtsbotschaft des belgischen Staatsoberhauptes König Albert II. gesendet. Hier finden sie die deutsche Übersetzung des BRF.

An diesem Jahresende denke ich erneut an die zahlreichen Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und an ihre Familie. Ich verstehe ihre Ratlosigkeit. Die Bundesregierung, die Regionalregierungen und die Sozialpartner versuchen, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den Arbeitsmarkt zu begrenzen. Ich danke Ihnen dafür und ermutige sie, ihre Anstrengungen entschlossen fortzusetzen.

Doch neben diesem besorgniserregenden Zustand gibt es auch positive Elemente in unserem Land. Ich möchte Hermann Van Rompuy für seine großartige Benennung zum ersten permanenten Präsidenten des Europäischen Rats huldigen. Das ist eine große Ehre für ihn und für unser Land und eine Garantie für weitere Fortschritte in Europa.
 

Ich möchte daran erinnern, dass unsere Bürger und viele Menschen überall in der Welt mit Freude die weltumfassende Ehrerweisung für Josef De Veuster, besser bekannt als Pater Damian, miterlebt haben. Bei uns übersteigt seine Ausstrahlung die philosophischen und gemeinschaftspolitischen Gegensätze. Davon zeugt seine Beliebtheit sowohl im Norden als im Süden unseres Landes. Josef De Veuster kann sicherlich als seltener „Prophet im eigenen Land“ bezeichnet werden.

Die einmütige Wertschätzung ist der Beweis dafür, dass die Solidarität und der Respekt der Menschenwürde, denen Pater Damian einen einzigartigen Ausdruck verlieh, bei den Belgiern hoch im Kurs stehen. Er hat den Weg der radikalen Solidarität bis zum Äußersten eingeschlagen. Das löste eine weltweite Zuneigung für Damian aus. Auch heute noch. Der amerikanische Präsident Obama erklärte in einer Botschaft an die Belgier, ich zitiere: ich will meine größte Bewunderung für das Leben von Pater Damian zum Ausdruck bringen. Ich grüße das Königreich Belgien und die Belgier, die stolz sein dürfen, Pater Damian zu ihren Helden zählen zu können. Ende des Zitats.
 

Doch Damian ist nicht nur eine heldenhafte Persönlichkeit. Sein Beispiel muss uns zu mehr Solidarität, insbesondere mit den sozial Schwächsten in unserer Gesellschaft anregen.

Ich möchte noch ein zweites Thema anschneiden. Es geht um die bedeutenden Fortschritte im europäischen Einigungsprozess. Der Vertrag von Lissabon wurde vor Kurzem durch alle 27 Mitglieder der Europäischen Union ratifiziert. Es war der Abschluss einer langen und schwierigen Prozedur, die vor mehr als acht Jahren durch die Erklärung von Laeken eingeleitet wurde.

Die Ratifizierung des Lissabonner Vertrags ist bedeutend, denn sie ist der Anfang einer neuen Etappe der europäischen Einigung. Sie wird die Beschlussfassung in der Union bedeutend verbessern. In verschiedenen Bereichen haben die Mitgliedsstaaten ihr Vetorecht aufgegeben. Dadurch werden viele Entscheidungen mit qualifizierter Mehrheit getroffen werden können. Europa hat unseren Landsmann, Herman Van Rompuy, zu seinem ersten Präsidenten bestimmt und Lady Ashton zur Hohen Repräsentantin der EU-Außenpolitik. Schließlich wurde die Rolle des Europäischen Parlaments erweitert und wird eine neue Kommission gebildet.
 

Dieser wichtige Fortschritt wird Europa die Möglichkeit geben, auf inner-europäischer Ebene noch effizienter aufzutreten und seine Rolle in großen internationalen Themen zu spielen, wie Klima, wirtschaftliche und finanzielle internationale Verhandlungen, Entwicklungshilfe und Frieden in der Welt. Dieser Fortschritt zeigt auch die Kraft und die Dynamik des europäischen Projekts, dass die Hindernisse mit Geduld und Entschlossenheit aus dem Weg räumt. Bei dieser Gelegenheit will ich allen politisch Verantwortlichen, die nacheinander vorbildlich an diesem Fortschritt mitgearbeitet haben, gratulieren.

Dieser Fortschritt muss unserem eigenen Land ein Bespiel sein. Auch bei uns machen die Vielfältigkeit und die Meinungsunterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen die Kohäsion manchmal schwierig. Doch zum Wohle unserer Bürger müssen wir die Hindernisse kreativ, vertrauensvoll und entschlossen überwinden.

Unter dieser Bedingung können wir weiterhin unsere konstruktive Rolle in Europa spielen. Wir würden an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn wir die Mitgliedsländer auffordern, ihre Verschiedenheiten zu überwinden, uns das aber im eigenen Land nicht gelingt. Ich vertraue darauf, dass die Regierung unter der Führung von Yves Leterme und alle politisch Verantwortlichen dies zustande bringen werden.
 

(Übersetzung: Albert Schoenauen)