Pressestimmen zum neuen Erzbischof

Die Berufung von André-Mutien Léonard, dem konservativen Bischof von Namur, zum Erzbischof von Brüssel-Mechelen und damit zum Primus der katholischen Kirche Belgiens ist den Wochenendzeitungen Titelseiten- und Leitartikelthema.

De Standaard titelt auf Seite 1 mit einem großen Foto des neuen Erzbischofs: „Rom legt die Daumenschrauben an“. 

„Léonard wird der Nachfolger von Danneels“, ist die wichtigste Schlagzeile in Vers l'Avenir. Vermutlich wird am Montag offiziell bestätigt, dass Papst Benedikt den Bischof von Namur zum Primus der katholischen Kirche Belgiens ernannt hat.

„Erzbischof Léonard wird eine Übergangsfigur sein“, meint Le Soir auf Seite 1. In fünf Jahren muss er sein Amt wieder abgeben.
 

„Protest gegen konservativen Léonard“ heißt es in Het Laatste Nieuws . Mit solch einem ultra-konservativen Erzbischof droht aus der Kirche eine rückständige Sekte zu werden, zitiert die Zeitung einen Priester aus Löwen.
 

Die Kommentare

Auch die meisten Leitartikler befassen sich mit dem neuen Erzbischof.

Gazet Van Antwerpen sieht in der Wahl des Papstes eine Entscheidung für Veränderung: Rom findet die Kirche Belgiens zu fortschrittlich und zu tolerant. Das soll Monseigneur Léonard ändern. Seine Aufgabe ist es, der orthodoxen Stimme wieder Gehör zu verschaffen. Einerseits ist die Enttäuschung vieler Katholiken verständlich, andererseits wird Léonard mit seinen klaren Standpunkten die gesellschaftliche Debatte beleben, meint Gazet Van Antwerpen.

Het Laatste Nieuws glaubt, mit seiner Entscheidung sucht der Papst die Konfrontation mit der hiesigen Kirche. Sie ist ein Schlag ins Gesicht von Kardinal Danneels. Und nicht auszuschließen ist, dass dies die Konsequenz des schwierigen Verhältnisses von Danneels zu dem deutschen Papst ist.

 

Konservativ

Le Soir kommentiert: die Positionen, die der Vatikan und mit ihm der neue Erzbischof zu Euthanasie, Scheidung, Homosexualität und anderen gesellschaftlichen Themen vertritt, sind mit den Gesetzen, die unser Land in den vergangenen Jahren in Sachen Ethik zu einem der fortschrittlichsten Europas machten, nicht mehr zu vereinbaren. Viele belgische Katholiken sind aber mit dieser politischen Entwicklung vollkommen einverstanden. Beruhigend ist, dass die katholische Kirche bei weitem nicht mehr die Macht besitzt, die sie noch vor 30 Jahren in Belgien hatte. Darüber hinaus verfügt Léonard nicht über politische Netzwerke, die seine Vorgänger wohl noch hatten.

De Standaard meint: wenn Erzbischof Léonard auf seine konservativen Positionen besteht, werden viele belgische Katholiken der Kirche den Rücken kehren und wird es auch zu Reibungen mit katholisch geprägten Einrichtungen und Universitäten kommen. Wenn sich der Erzbischof für eine kleine aber strenggläubige Kirche entscheidet, wird der Einfluss des Katholizismus in unserem Land wegschmelzen.
 

Kreuzweg

La Libre Belgique kommentiert: viele Katholiken werden bestürzt auf die Berufung von Bischof Léonard reagieren und dies auf Grund der Positionen, die er in der Vergangenheit vertrat und auf Grund seines autoritären Stils. Léonard ist das genaue Gegenteil von Kardinal Danneels, der in den vergangen 30 Jahren immer den Konsens suchte.

Het Belang van Limburg bewertet die Berufung Leonards als Trendbruch. Auf den gutmütigen Danneels folgt ein herausfordernder Léonard, der sich nicht scheut klare Positionen zu beziehen. Es ist ein enttäuschendes Signal, dass Rom eine Kirchenvision aufzwingt, die innerhalb dieser Kirche keine breite Zustimmung findet.

Und auch Vers l'Avenir findet: für die meisten Katholiken, für die Respekt und Toleranz wichtige Werte sind, wäre eine Radikalisierung der Kirche ein Kreuzweg.