Verliert der Kardinal seinen Stellenwert?

Armand Dedecker (MR), der liberale Vorsitzende des Senats im belgischen Bundesparlament, setzt eine Arbeitsgruppe ein, die prüfen soll, ob die Rangliste der wichtigsten Persönlichkeiten des Landes noch Bestand hat oder ob es zu Anpassungen kommen soll. Der Kardinal, als derzeitige N°1 der Rangliste, soll seine Stellung dabei verlieren.

Dedecker (Foto unten) ist der Ansicht, dass jetzt der Moment für diesen Schritt ist und macht dies an der Position des Kardinals fest. Da der Nachfolger von Kardinal Godfried Danneels als Primas der belgischen Katholiken, André-Joseph Léonard (Foto oben), vom Vatikan noch nicht ernannt worden ist, könne darüber nachgedacht werden, etwas zu verändern. Léonard ist derzeit „nur“ Erzbischof von Mechelen und Brüssel.

Die protokollarische Rangliste der wichtigsten Persönlichkeiten Belgiens bestimmt bei offiziellen Anlässen, wer von den hohen Gästen wo sitzt oder in welcher Reihenfolge Redner antreten sollen. Das Staatsoberhaupt und die Mitglieder des Königshauses stehen nicht auf der Liste, denn sie genießen immer Vorrang.

Die derzeit aktuelle Rangliste fußt auf einem Gesetz von Napoleon aus dem Jahr 1804 und sieht vor, dass der Kardinal immer an erster Stelle zu stehen hat. Alle anderen hochrangigen Gäste - Belgiens Regierungsmitglieder, Staatsgäste usw. - müssen sich dem immer noch beugen.

„Das hat nicht zum Ziel, jemanden zu beleidigen“, sagte Senatsvorsitzender Dedecker gegenüber den Tageszeitungen „De Standaard“ und „La Libre Belgique“, doch er lässt keinen Zweifel daran, dass die Liste angepasst werden müsse.

Wohin mit den Ministerpräsidenten?

Die Arbeitsgruppe, die Dedecker eingesetzt hat, muss jetzt Vorschläge unterbreiten, wer zum Beispiel an Stelle des Kardinals an erster Stelle in der Rangliste stehen könnte. Wer das sein könnte, steht noch nicht fest, doch mit Sicherheit werden Vertreter der staatlichen Gewalten - Gesetzgebung (Legislative/Regierung), Ausführung (Exekutive/Vollzug) und Rechtsprechung (Judikative/Justiz) - in der Liste in Zukunft vor den Vertretern der Glaubensrichtungen oder der Freidenker stehen.

Einfach wird es auf jeden Fall nicht, Persönlichkeiten ihre Stellung streitig zu machen. Andere werden wohl positiv reagieren, denn im Zuge der Föderalisierung Belgiens müssten auch den Vertretern der Regionen (Flandern, Wallonie, Brüssel-Hauptstadt und Deutschsprachige Gemeinschaft) ein höherer Stellenwert eingeräumt werden.

Die Ministerpräsidenten der Regionen tauchen derzeit erst lange nach den Vorsitzenden der Kammern in belgischen Parlament, der EU, internationalen Staatsgästen und hohen belgischen und ausländischen Justizvertretern auf.