Zugdrama: Presse stellt die Schuldfrage

18 Tote, 171 Verletzte, das ist die vorläufige Bilanz der Zugkatastrophe vom vergangenen Montag. Manche Zeitungen widmen dem Thema bis zu 14 Sonderseiten, auch weil die Lokführer mit einem spontanen Streik reagierten.

„Wilder Streik zorniger Lokführer – Nach Zugunglück, Chaos im Bahnverkehr“, das ist im Grenz-Echo - der einzigen deutschsprachigen Zeitung Belgiens - die wichtigste Schlagzeile.

Zu sehen ist auf vielen Titelseiten auch ein Polizist, dessen Foto um die Welt ging, als er ein vierjähriges Mädchen lebend aus den Zugtrümmern rettete.

Die Schuldfrage beschäftigt alle Zeitungen: Le Soir bringt die Schlagzeile "Die Bahn hat die Sicherheit vernachlässigt".

La Dernière Heure prangert auf ihrer Titelseite an: „On se moque de qui?“ „Über wenn macht man sich hier lustig: Die Eisenbahn gab 200 Millionen Euro für prunkvolle Bahnhöfe aus, doch nur 18 Millionen für das Sicherheitssystem".

De Standaard schreibt auf Seite 1: „Alle Verantwortlichen versuchen, den Schwarzen Peter den anderen zuzuschieben.“

La Libre Belgique bringt es mit zwei Worten auf den Punkt: „La polémique“. Gemeint ist die inzwischen in aller Heftigkeit entbrannte Debatte darüber, wer für das Drama die Verantwortung trägt.

In Het Laatste Nieuws heisst es dazu: „Niemand fühlt sich schuldig“
 

Schuldzuweisung

Vor 9 Jahren starben ebenfalls im Brüsseler Umland bei einer ähnlichen Katastrophe bereits 8 Menschen. Auch damals hatte ein Lokführer ein Haltezeichen überfahren und die Belgische Bahn wurde danach durch einen Urteilsspruch verpflichtet, für solche Fälle automatische Bremssysteme zu installieren.

Im Kommentar spricht die meinungsführende Brüsseler Zeitung Le Soir von den sträflich langsamen Entscheidungen an der Spitze des Unternehmens. Neun Jahre nach dem Zusammenstoß zweier Züge in Pécrot hat man zwei wesentliche Schlussfolgerungen nicht beachtet: Das automatische Bremssystem wurde immer noch nicht überall eingeführt, und die Ausbildung der Lokführer, die verbessert werden sollte, wurde noch verkürzt. 700.000 Reisende nehmen jeden Tag den Zug. Die Verantwortlichen der Bahn haben nicht das Recht, nach Ausflüchten zu suchen und die Sicherheit der Passagiere zu vernachlässigen, lesen wir in Le Soir.

Die auflagenstarke flämische Zeitung Het Nieuwsblad bringt die Schlagzeile: "Niemand will einen Fehler zugeben", und kommentiert: „Eine Antwort auf die Frage, weshalb neun Jahre nach der Katastrophe von Pécrot in Belgien noch immer kein automatisches Bremssystem funktioniert, darf man nicht erwarten. In der Zeit waren sechs verschiedene Minister für die Bahn zuständig. Auch die Manager fühlen sich nicht verantwortlich.“

 

Auch Europa weist schuld von sich

Am Dienstag hatten Bahnmanager und belgische Politiker die Europäische Union dafür mitverantwortlich gemacht, dass die automatische Zugbremssysteme auf dem hiesigen Schienennetz noch nicht überall operationell. Diese Systeme verhindert, dass Lokführer Stoppzeichen ignorieren.

Dazu bringt die linksliberale Zeitung De Morgen die Schlagzeile: „Europa ist formell: Belgien ist schuldig“ Im Leitartikel heißt es: „Das Bahnmanagement, die Gewerkschaften und die zuständigen Minister schoben schnell die Schuld für das fehlende automatische Bremssystem Europa in die Schuhe. Es gab aber keine einzige europäische Richtlinie über ein einheitliches Bremssystem und auch kein Verbot, dass Mitgliedsstaaten sich für ein nationales System entscheiden. Europa wollte nur, dass grenzüberschreitende Züge so ausgerüstet werden, dass man sie notfalls auch in anderen Länden stoppen kann. In Deutschland, Frankreich und den Niederlanden wurden Sicherheitssysteme installiert, die einen solchen Zusammenstoß unmöglich machen. Die belgischen Verantwortlichen haben keine Entschuldigung dafür, dass sie so lange gezögert haben. Es hat hierzulande schon für weniger Tote Untersuchungsausschüsse gegeben.“
 

Reaktionen auf Lokführerstreik

Weil wieder einer ihrer Kollegen bei einem Zugunglück umkam traten in ganz Belgien Lokführer am Dienstag in einen Spontanstreik und stürzten damit den Bahnverkehr erneut in ein Riesenchaos. Die Leitartikler finden: dieser Spontanstreik war absolut fehl am Platze.

Die Regionalzeitung Gazet van Antwerpen verurteilt den gestrigen Bahnstreik: „ Es ist verständlich, dass die Lokführer schockiert sind. Doch der Streik ist nicht das richtige Mittel, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Die Fahrgäste sind auch schockiert und fragen sich, ob der Zug noch ein sicheres Verkehrsmittel ist.“

La Libre Belgique fragt sich: „Haben die streikenden Eisenbahner an die Familien der Opfer der Katastrophe und an die zahlreichen Pendler gedacht, die etwas mehr Würde erwartet hätten? Der Streik war nicht legitim. Die Lokführer verteidigen vor allem ihren Berufsstand. Ihr Streik stärkt nicht das Vertrauen der Reisenden in die Eisenbahn und ihr Personal.“