Missbrauchsskandal beschäftigt die Presse

Zwei Themen beherrschen am Samstag die Kommentatoren der Tageszeitungen: Der Missbrachsskandal um Bischof Vangheluwe und die belgische Regierungskrise. Bei weitem mehr Raum wird dabei dem Skandal in der belgischen Kirche eingeräumt.

Schockwelle

"Bischof missbrauchte neunjährigen Neffen", ist der Aufmacher in Het Belang van Limburg. Das sorgt für eine Schockwelle in der belgischen Kirche. Kardinal Danneels war schon seit 1993 informiert, zitiert die limburgische Zeitung den ehemaligen Priester Rik Devillé.

"Sexskandal erschüttert die Kirche", titelt die deutschsprachige Tageszeitunt Grenz-Echo. Vers l'Avenir spricht vom Kreuzweg der belgischen Kirche. Mit der Veröffentlichung der Motive für den Rücktritt des früheren Bischofs setzt die belgische Kirche auf Transparenz und verabschiedet sich vom Schweigen.

"Der pädophile Bischof wurde entlarvt", ist die Schlagzeile in La Derniere Heure. La Libre Belgique schreibt: "Jetzt ist auch die belgische Kirche betroffen. Die Kirchengemeinde steht unter Schock". "Es ist noch mit weiteren Opfern zu rechnen", das ist der Aufmacher in Het Laatste Nieuws.

Was macht die Justiz? Wie reagiert die Kirche?

"Keine Strafe für den pädophilen Bischof", titelt De Morgen. Justiz und Kirche halten die Straftaten für verjährt. Vangheluwe behält alle seine Rechte, schreibt die Zeitung.

Das sieht Le Soir anders: "Justiz befasst sich mit dem pädophilen Bischof" lautet hier die Schlagzeile. Die Staatsanwaltschaft von Brügge hat die Ermittlungen aufgenommen und prüft jetzt ob der Kindermissbrauch tatsächlich verjährt ist, schreibt die Brüsseler Zeitung.

"Die belgische Kirche ist in ihren Fundamenten erschüttert.", schreibt De Standaard. Der einzige Lichtpunkt ist die schnelle Kommunikation für die sich Erzbischof Léonard entschieden hat. Das weitere Verschweigen dieses furchtbaren Verbrechens wäre nämlich wieder genauso kriminell wie der eigentliche Missbrauch gewesen.

Die Kirche hat richtig reagiert, findet auch La Libre Belgique. Die Glaubwürdigkeit dieser Institution stand auf dem Spiel und sie musste sich auch ihrer ethischen Verantwortung stellen. Egal ob man Erzbischof Léonard mag oder nicht, er hat nicht gezögert, obschon er wusste, dass er so eine Vertrauenskrise auslösen würde. So hat er die Ehre der Mehrheit aller Priester wieder hergestellt, die konform zu ihrer Berufung leben.
 

Sodom und Gomorra

Het Laatste Nieuws kommentiert: Léonard überrascht Freund und Feind, weil er öffentlich den sexuellen Missbrauch durch Priester anklagt. Aber die Kirche hat nichts anderes als ihre Spiritualität und ihre Ethik. Wenn sich ihre höchsten Vertreter hiergegen versündigen, sind Sodom und Gomorra nicht mehr weit.

Das sieht Het Belang van Limburg ähnlich. Die Autorität der Kirche wird absolut geschwächt, wenn sich dieses Institut, das uns eine strenge sexuelle Ethik vorschreibt, an diese selbst nicht hält. Auch

Gazet Van Antwerpen findet, Léonard habe sich richtig verhalten. Hiervon könne Rom noch lernen. Im Vatikan habe man nämlich immer noch nicht begriffen, dass das Leid der Opfer wichtiger ist, als der Ruf pädophiler Geistlicher.

De Morgen formuliert eine existenzialistische Frage im Kommentar: kann es echt sein, dass ein Gott besteht, der zulässt, dass seine Vertreter hier auf Erden ungestraft solche Verbrechen begehen können?

Auch die belgische Regierungskrise wird weiter besprochen

Der Sexskandal der belgischen Kirche hat die aktuelle Regierungskrise von den Titelseiten verdrängt. Hiermit befassen sich aber auch einige Leitartikler.

La Derniere Heure schreibt: die Französischsprachigen müssen jetzt endlich aufhören all das zu akzeptieren, was ihnen vom Norden diktiert wird. Sie müssen die Flamen zu einem offenen und erwachsenen Gespräch einladen, um gemeinsam mit ihnen zu entscheiden, was wir in diesem Land noch gemeinsam machen wollen, und was nicht. Nur diese schwierige und mutige Debatte wird das Überleben des Landes ermöglichen.

Das Grenz-Echo kommentiert: Damit unser Land gerettet werden kann müssen zwei Dinge geschehen. Erstens: der Wahlbezirk BHV muss endlich gespalten werden. Die Frankophonen müssen sich damit abfinden, dass ihre Sonderrechte heutzutage nicht mehr tragbar sind. Zweitens ist Belgiens Umbau von einem Föderalstaat zu einem konföderalen Staat unvermeidbar. Nur wenn Flamen, Wallonen, Brüsseler und Deutschsprachige über ein Maximum an Zuständigkeiten verfügen, können sie auch in Zukunft friedlich unter einem gemeinsamen Dach leben.

Vers l'Avenir schließlich meint, es ist zu hoffen, dass an einer Lösung für B.H.V gearbeitet wird, denn sonst könnte es durchaus sein, dass immer mehr Menschen den vom Volk gewählten Vertretern ihr Vertrauen entziehen. Genauso wie die Open VLD der Regierung das Vertrauen entzogen hat.