Plädoyer für die Vogelperspektive

Ich lerne Französisch. Belege einen Crashkurs für Anfänger. Ich habe das Gefühl, dass es zu meiner erfolgreichen Integration in diesem Land dazugehören würde, auch im französischsprachigen Landesteil einigermaßen gut verstanden zu werden.

Seit ich in Belgien lebe, wurmt es mich, dass ich mich im Gymnasium für Italienisch als zweite Fremdsprache entschieden habe. Nicht, dass ich im Alltag, der sich in und um Antwerpen abspielt, oft auf meine mangelnden Französischkenntnisse gestoßen werde. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es zu meiner erfolgreichen Integration in diesem Land dazugehören würde, auch im französischsprachigen Landesteil einigermaßen gut verstanden zu werden.

Mein Gefühl flüstert mir ein, dass die fehlende Sprachkompetenz mit ein Grund ist, warum ich mir Brüssel noch nicht zu eigen gemacht habe und warum große Teile Walloniens für mich ein weißer Fleck auf der Landkarte sind. Was tun diese privaten Erwägungen hier zur Sache? Interessant wird die Geschichte, wenn die Reaktionen meiner Kollegen auf meine ersten französischen Gehversuche ins Spiel kommen.

Allgemeine Zerknirschung

Die meisten Kollegen reagieren auf das Stichwort „Französischkurs“ mit zerknirschtem Schuldbewusstsein: „Das sollte ich eigentlich auch machen, mein Französisch verbessern.“ Zuerst erstaunten mich diese Reaktionen. Meine Kollegen sind allesamt Sprach- oder Literaturwissenschaftler, von Natur aus mit einem gesunden Interesse für Fremdsprachen ausgestattet, und ich vermute, dass die meisten des Französischen einigermaßen mächtig sind. So wie überhaupt, aus meiner Warte, die meisten Flamen im Vergleich zum durchschnittlichen Österreicher oder Deutschen überdurchschnittlich gut französisch sprechen. Es kann natürlich sein, dass meine Kollegen allesamt zum selbstkritischen Perfektionismus neigen, aber ich glaube, es steckt etwas anderes dahinter.

Flämische Nabelschau

In ihrem „vernachlässigten“ Französisch sehen viele, so deute ich das, eine nicht erbrachte Bringschuld der Einheit des Landes gegenüber. Wenn sie ihr Französisch verbessern würden, würden sie ein kleines, individuelles Zeichen gegen die kleinkarierte Nabelschau setzen, die den politischen Diskurs in Flandern schon seit geraumer Zeit beherrscht. Oder, wie es Tom Lanoye in einem Kommentar zur Lage der Nation in „De Morgen“ ausdrückt (in freier Übersetzung): „Wir sind hier alle damit beschäftigt, in unserem staatsreformerischen Nabel zu bohren, und dann gibt es Menschen, die auch noch davon überzeugt sind, dass die Lösung für eine weltweite Krise des Systems die Ausrufung der Republik Flandern ist.“

Vogelperspektive

Sich verschließen und einigeln als Reaktion auf bedrohliche und unberechenbare Vorgänge in der Weltwirtschaft mag kurzfristig ein Gefühl der Sicherheit kreieren, vielleicht sogar eine gewisse Erleichterung verschaffen und einige augenblickliche Probleme aus dem Weg räumen. Es kann jedoch nicht schaden, sich gelegentlich aus der eigenen Sicherheitszone zu lösen, um die Vogelperspektive einzunehmen.

Schon im Kontext Europas kann eine Spaltung Belgiens nur als befremdlicher Rückschritt betrachtet werden. Langfristig gesehen wird ein unabhängiges Flandern Mühe haben, sich über die eigenen Landesgrenzen hinaus zu profilieren. Und ganz abgesehen von diesen pragmatischen Erwägungen ist das Konstrukt Belgien von außen/oben betrachtet vielleicht komplex und verwirrend, aber ungleich charmanter und attraktiver als die Erfüllung des kühnsten Seperatistentraumes.

Wo ein Wille ist…

Ich orte in der Zerknirschung meiner Kollegen ein großes Reservoir an gutem Willen, das allerdings erst aktiviert werden müsste. Meine Antwort auf die Französischkursdebatte sollte sein: „Und warum bleibt es nur bei der löblichen Absicht?“ Wenn der Wille vorhanden ist, dem anderssprachigen Landesteil näher zu kommen, sollte man sich nicht durch separatistische Unkenrufe und andere Unwägbarkeiten ins Bockshorn jagen lassen. Gerade jetzt nicht.

Vielleicht ist ein Französischkurs keine weitreichende politische Geste. Als persönlicher Akt des Wohlwollens, der das Vertrauen in eine gemeinsame Zukunft der beiden Landesteile stärkt, wäre sein Wert aber nicht zu unterschätzen.

Eva Steindorfer

Eva Steindorfer

Eva Steindorfer ist Dozentin für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Antwerpen, Geschäftsführerin des Österreichzentrums Antwerpen und Mit-Organisatorin der Initiative Deutschcafé. Sie lebt seit 5 Jahren (sehr gerne) in Belgien.