Richterin und Schriftführer erschossen

Im Amtsgericht unweit des Justizpalastes in Brüssel hat ein Mann gegen Ende der Gerichtstagung eine Friedensrichterin und einen Protokollführer erschossen. Das Motiv des Täters und der genaue Tathergang sind noch unklar. Der Täter ist zu Fuß geflüchtet.

Die beiden Opfer sind eine Friedensrichterin und ein Gerichtsschreiber. Beide standen kurz vor ihrer Pensionierung.

Die Schüsse fielen kurz vor Mittag gegen Ende der Sitzung in einem Gericht in der Ernest Allardstraat.

Die getötete Richterin befasste sich unter anderem mit Ehe- und Mietstreitigkeiten, Adoptionen und der Einweisung von Menschen in psychiatrische Behandlung.

"Ein bewaffneter Mann schoss die Opfer in den Kopf. Beide sind an den Folgen ihrer Verletzungen gestorben."

Bei einem Geplänkel danach soll der Täter auch verwundet worden sein. Trotzdem konnte er zu Fuß flüchten.

Es ist noch nicht klar, ob der Mann selbst vor der Friedensrichterin erscheinen musste oder was sein Motiv war. Im Gerichtssaal waren auch einige Anwälte, die nicht verletzt wurden.

Nach Angaben der Polizei soll ein Zeuge noch versucht haben, dem Täter zu folgen, aber der Täter konnte ihn abhängen.

Laut dem Sprecher der Staatsanwaltschaft, Jean-Marc Meilleur, seien inzwischen verschiedene Zeugen gehört worden, die eine genaue Beschreibung des Täters geben konnten.

"Meines Wissens hat der Täter zum Tatzeitpunkt auch nichts gerufen", so Meilleur noch.

De Clerck: "Verabscheuenswürdige Tat"

Der scheidende Justizminister Stefaan De Clerck (Foto) begab sich unmittelbar nach der Tat zu dem Gerichtsgebäude und äußerte sich zutiefst schockiert über den Vorfall. Er sagte, dass die Tat absolut verabscheuenswürdig sei. Er begreife nicht, dass jemand, der den Menschen so nahe sein will wie eine Friedensrichterin, erschossen wird.

"So weit ich weiß, ist es das erste Mal überhaupt, dass bei uns eine Richterin im Gericht erschossen wird", sagte De Clerck noch.

Dem Täter war es gelungen, eine Waffe ins Gerichtsgebäude zu schmuggeln. In dem Gericht werden üblicherweise kleinere Vergehen verhandelt. "Beim Strafgericht oder beim Schwurgericht fordere ich noch mehr Kontrollen, aber hieraus abzuleiten, dass alle Gerichtssäle - und davon gibt es rund 250 - mit Sicherheitsschleusen und Kameraüberwachung ausgerüstet werden müssen, wäre falsch", so der scheidende Justizminister.

"Das verstößt gegen das Wesen der Justiz und gegen das Prinzip der Nähe zum Bürger."

De Clerck verkündete weiterhin, dass er seine Kampagne für die Parlamentswahlen vorläufig unerbrechen werde.

"Es wird alles getan, um den Täter zu fassen", sagte die scheidende Innenministerin Annemie Turtelboom. Sie hat einen europäischen Ministerrat in Luxemburg vorzeitig verlassen, um nach Brüssel zurückzukehren.

Während der Pressekonferenz unterrichtete der Staatsanwalt die Medien, dass die Familie der Richterin noch nicht informiert worden sei.

Gedenken an die Opfer

An verschiedenen Orten wurden spontan Gedenkminuten für die Opfer eingelegt.

Der erste Gedenkmoment fand um 14 Uhr im Brüsseler  Amtsgericht statt, an dem Ort also, an dem sich das Drama abspielte. Um 16 Uhr wure den Opfern dort noch einmal gedacht. Der scheidende Justizminister Stefaan De Clerck war auch anwesend.

Am Freitag wird das Genter Gericht erster Instanz einen Gedenkmoment abhalten. Das Gericht in Antwerpen am Bolivarplatz in Antwerpen hält um 9 Uhr früh eine Gedenkfeier.