Blick in die belgische Wochenendpresse

"Das Vertrauen der Belgier in die Wirtschaft ist so groß wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr, schreibt De Tijd. Seit März 2008 waren die Belgier nicht mehr so optimistisch wie heute, weiß die Wirtschaftszeitung.

La Dernière Heure bringt erfreuliches für Rentner, Arbeitslose und Beamte: "2 Millionen Belgier werden in Kürze mehr verdienen", ist hier der Aufmacher. Der Grund ist ein Indexsprung.

Dass wir ein höheres Einkommen durchaus brauchen werden, erfährt der Leser in Le Soir: "Allgemeine Preiserhöhung ist fast unausweichlich" heißt es dort. Zahlreiche Rohstoffe wie Baumwolle, Kaffee oder Getreide sind inzwischen so teuer wie lange nicht mehr, und das wird auch direkte Konsequenzen für die Lebenshaltungskosten haben.

L'Echo kommentiert die positive Entwicklung am Immobilienmarkt. Im Vergleich zum Vorjahr verkaufen sich Häuser und Wohnungen wieder teurer. Verglichen mit der Lage vor 2 Jahren ist die Entwicklung aber noch zögerlich, meint der Leitartikler. Obschon die Darlehen so günstig wie nie zu haben sind, bleibt das Verkaufsvolumen relativ klein.

Elio Di Rupo geht in die nächste Runde

Die politische Lage ist in mehreren Zeitungen ebenfalls ein zentrales Thema. Heute beginnt der wallonische Sozialist Di Rupo wieder mit gemeinsamen Gesprächen mit allen sieben Parteien, die sich zu Koalitionsverhandlungen bereit erklärt haben.

Dazu titelt De Morgen: "Di Rupo ist bereit, der N-VA (flämische Nationaldemokraten, AdR.) ein letztes Angebot zu machen". Er wird einen neuen Vorschlag auf den Verhandlungstisch legen, der die belgischen Bundesländer (Regionen und Gemeinschaften) zu mehr Verantwortungsübernahme bei ihrer Finanzierung zwingen soll. Sollte die N-VA diesen Vorschlag kippen, ist Di Rupo vielleicht am Ende, meint De Morgen.

Madame Non oder Madame Oui?

De Standaard widmet fast die gesamte Titelseite einem Foto der lächelnden Parteivorsitzenden der frankophonen Zentrumhumanist CDH (ehemalige Christdemokraten, AdR.). "Wie aus Joëlle Milquet Madame Oui wurde" ist hier die Schlagzeile. Die Zeitung möchte mit der 2007 entstandenen Karikatur der Madame Non aufräumen. Für Milquet und ihre Partei komme es jetzt darauf an, eine schwierige Entscheidung mitzutragen und dann an die Zukunft zu denken.

La Libre Belgique zeigt auf Seite 1 einen einsamen Elio Di Rupo. "Jetzt gilt es, den Stillstand zu vermeiden" ist hier die Schlagzeile. Auch wenn es für die Koalitionsverhandlungen keine präzise Deadline gibt, muss irgendwann gelandet werden. Die Zeit spielt gegen die Verhandlungsteilnehmer. Inzwischen droht das gleiche Szenario wie 2007 als sich unter Leterme die Koalitionsverhandlungen monatelang erfolglos hinzogen. Die flämischen Parteien und allen voran die N-VA müssen jetzt schnell Farbe bekennen. Die Frage bleibt: Was wird die N-VA tun? – so La Libre Belgique.

Welche Perspektive?

Het Laatste Nieuws kommentiert: Mittlerweile wird fast seit 70 Tagen über eine neuen Regierung verhandelt, ohne dass bisher auch nur der Beginn eines Koalitionsabkommens in Sicht wäre. Das Resultat dieser chaotischen Woche ist aber, dass jetzt endlich über Geld geredet werden kann. Aber es gibt noch jede Menge andere Probleme, die geregelt werden müssen. Arbeitsmarkt, Staatsfinanzen und Justizreform sind nur einige davon. Erst nach diesen Gesprächen kann Elio Di Rupo entscheiden, mit welchen Parteien er wirklich eine Koalition bilden will.

De Morgen kommentiert: Die französischsprachige Forderung, dass niemand ärmer werden darf, wenn gespart werden muss, ist unhaltbar. Das uns bevorstehende Sparpaket wird Flamen, Wallonen und Brüsseler sowieso ärmer machen. Um zu verhindern, dass die Finanzen der verschiedenen belgischen Bundesländer zu sehr auseinanderdriften, könnten wir deshalb am besten ein Modell unsere deutschen Nachbarn übernehmen: Den Finanzausgleich.

Herausforderung als Chance

Le Soir findet im Leitartikel: Im französischsprachigen Belgien soll man die jetzt anstehende Staatsreform als Chance sehen, um das alte belgische Haus gründlich zu modernisieren. Das ermöglicht es jungen Brüsselern und Wallonen, dynamische Zukunftsprojekte zu erarbeiten. Die von den Flamen verordnete finanzielle Verantwortungsübernahme darf von den Französischsprachigen nicht als Strafe, sondern als Herausforderung begriffen werden, das eigene Schicksal in die Hände zu nehmen, so Le Soir.

Gazet van Antwerpen glaubt im Kommentar, dass wir nach diesem Wochenende wissen werden, wie es um die Regierungsbildung steht. Wenn Di Rupo scheitert, ist es durchaus denkbar, dass er von der Bildfläche verschwindet. Und dann müsste wieder ein Flame ran. Der Zustand ist dramatisch aber nicht hoffnungslos, schlussfolgert die Antwerpener Zeitung.

De Standaard schließlich meint: Jetzt geht es endlich ums Wesentliche. Flandern will, dass alle Bundesländer in der eigenen Geldbörse fühlen, ob sie eine gute oder schlechte Politik führen. Deshalb müssen sie auch für einen Teil des Geldes, das sie ausgeben, selbst die Einkünfte finden.

(Redaktion: Klaus Haas)