Gesamte Gesellschaft in der Verantwortung

Kinderpsychiater Peter Adriaenssens hat den Abschlussbericht der nach ihm benannten Kommission vorgestellt. Diese untersuchte bis zum 1. Juni Beschwerden über sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche. Es ist ein grausamer Bericht, der betont, dass die Kinder von damals schwer unter dem Missbrauch zu leiden gehabt haben. Mindestens 13 Opfer haben Selbstmord begangen.

Im Abschlussbericht ist von 475 Fällen sexuellen Missbrauchs die Rede. Die Mehrheit davon, 430 Fälle betreffen niederländischsprachige Opfer. 124 Fälle werden als "schwere Zeugenaussagen" bechrieben.

Opfer scheinen vor allem die Jungen gewesen zu sein. Viele  waren zum Zeitpunkt des Missbrauchs 12 Jahre jung. In einigen  Fälle wurden aber auch ganz junge Kinder im Alter von zwei Jahren missbraucht. "Es handelt sich nicht um oberflächliche Anschuldigungen", so Peter Adriaenssens. "Wir sprechen hier über analen und oralen Missbrauch, erzwungener Masturbation, gegenseitiger Masturbation und von Jungen ab 11, 12 Jahren, bei denen so lange onaniert wurde, bis dann doch eine Ejakulation kam, auch wenn diese mit Blutungen einherging."

Mindestens 13 Menschen haben als Folge des sexuellen Missbrauchs Selbstmord begangen. Sechs weitere haben einen Selbstmordversuch unternommen. Die Kommission hat dies vor allem aus den Zeugnissen der Familien der Opfer entnommen. Der größte Teil der Opfer ist heute zwischen 40 und 70 Jahre alt.

Viele der Täter, darunter Priester, Pater und Ordensbrüder, waren zum Zeitpunkt der Zeugenaussagen der Opfer vor der Adriaenssens-Kommission bereits gestorben.

"Das heißt, dass viele Opfer eine eindeutige Erwartung gegenüber der Kirche hatten und sich nicht vom Tod des Täters von ihrer Aussage abhalten ließen. Sie wollen offenbar eine Rechtsetzung dieser historischen Lüge."

"Priester war oft Freund des Hauses"

Der Missbrauch spielte sich aber nicht nur in den Pfarreien ab. Adriaenssens ist davon überzeugt, dass sexueller Missbrauch in allen Internaten zwischen den 50er und Ende der 80er Jahre statt fand. In dieser Zeit war der Repekt vor Geistlichen sehr groß in unserem Land.

"In Flandern werden wir mit dem Problem konfrontiert, dass der Priester zumeist Freund des Hauses war. Viele Eltern waren stolz darauf, dass der Priester zu ihnen nach Hause zum Essen kam", erklärte Adriaenssens. Über so einen Priesterfreund der Familie durfte das Opfer nicht schlecht reden und deshalb schwiegen die Opfer all die Jahre.

Häufig hätten die Opfer auch als Kind über längere Wochen im Internat gelebt, wodurch eine Kontrolle und ein Schutz durch die Familie fast unmöglich gewesen sei. Peter Adriaenssens sieht deshalb die gesamte Gesellschaft in der Verantwortung.

Die Kommission Adriaenssens trat am 24. Juni zurück, nachdem die Staatsanwaltschaft all ihre Akten beschlagnahmt hatte.

Trotzdem präsentierte die Kommission am Freitag ihren Abschlussbericht, um zu betonen, dass es sich bei den 475 Fällen um teils sehr schwerwiegende Taten gehandelt hat.