Blick in die belgische Wochenendpresse

Der Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses zum jahrzehntelangen massiven Sexualmissbrauch in der Kirche ist heute in den Zeitungen das wichtigste Thema, oft auf mehreren Seiten. Und: Was wäre, wenn Belgien auseinanderbricht?

"Das Dutroux-Dossier der Kirche", dieser Aufmacher ist die Schlagzeile in La Libre Belgique, Le Soir und L'avenir. Gestern hat der renommierte Löwener Kinderpsychiater Peter Adriaenssens einen umfassenden Bericht mit vielen konkreten Zeugenaussagen über jahrzehntelangen Sexualmissbrauch veröffentlicht. "Die Schande von Belgien", so umschreibt Het Nieuwsblad die veröffentlichten Erkenntnisse.

"Herzzerreißend", so bringt Gazet van Antwerpen es auf den Punkt. "Missbrauch in jeder Schule und in jedem Internat", so fasst es Het Laatste Nieuws zusammen. " 13 Opfer nahmen sich das Leben", titelt De Standaard.

Auch in den Kommentaren ist dies das beherrschende Thema

La Libre Belgique findet vor allem erschreckend, dass dieser massive Missbrauch durch Kleriker jahrzehntelang totgeschwiegen wurde. Jetzt muss die Kirche dafür sorgen, dass diesen Verbrechen ein Ende gemacht wird. Und sie muss sich um die Opfer kümmern. Am wichtigsten ist aber, dass auch die Täter bestraft werden.

De Standaard glaubt im Leitartikel: Jetzt ist eine neue Dynamik entstanden. Den Opfern wurde eine Stimme gegeben. Das Schweigen hat ein Ende. Die Zeit des Leugnens ist vorbei. Dieser Bericht verursacht ein Beben bis in Rom. Wenn die Kirche jetzt keine Antworten auf diese Systemfehler findet, ist sie vom Untergang bedroht, glaubt De Standaard.
 

Dysfunktion

Le Soir kommentiert: Der Adriaenssens-Bericht belegt die bisher noch nicht gesehene Dysfunktion der katholischen Kirche. Die Dutroux-Affäre sorgte 1996 dafür, dass unsere Gesellschaft die Kinder besser schützen wollte. Völlig unverständlich ist, dass in Belgien die Kirche und ihre hohen Verantwortlichen damals dieses Signal nicht begriffen haben und weiter so taten, als sei nichts gewesen.

De Morgen kommentiert: Seit Dutroux ist der Sexualmissbrauch von Kindern und Jugendlichen ein Thema. Aber bisher hat die Kirche keine Art und Weise gefunden, um mit ihren skandalösen Vergehen ins Reine zu kommen. Der Adriaenssens-Bericht hat die moralische Autorität der Kirche vernichtet, schreibt De Morgen.

Kein Monopol

Het Nieuwsblad sieht dies noch etwas breiter: Der Bericht über das Leiden der Opfer belegt, dass nicht nur die Kirchenhierarchie immer wieder weggesehen hat und den Missbrauch vertuschte. Auch die Gesellschaft als Ganzes wollte das Problem nicht wahrhaben. Jetzt steht aber fest, dass unsere Gesellschaft einen solchen Machtmissbrauch nicht mehr tolerieren darf, egal wie mächtig das Institut ist, das ihn betreibt.

Auch Het Belang van Limburg stellt im Kommentar fest: Der Bericht belegt, dass die Kirche kein Monopol des Missbrauchs hat. Er ist ein gesellschaftliches Phänomen. Jetzt ist die Politik gefordert. Sie muss die Empfehlungen des Berichtes schnell umsetzen.

Het Laatste Nieuws kritisiert, dass die Kirchenleitung jahrzehntelang nicht reagierte. Für ein Institut, das sich auf seine moralische Überlegenheit beruft, ist dies völlig inakzeptabel. Für die Kirche bricht jetzt eine lange Zeit des Wiederaufbaus an. Und jetzt ist vor allem Demut gefordert, findet Het Laatste Nieuws.
 

Belgien vor dem Ende?

Das Grenz-Echo, die einzige deutschsprachige Zeitung Belgiens, bringt heute ein ausführliches Interview mit Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz, worin sich dieser auch zur Zukunft der Deutschsprachigen Gemeinschaft, dem kleinsten Bundesland Belgiens, äußert. Die aktuellen Verhandlungen über eine große Staatsreform müssten wachsam aber ohne Aktionismus verfolgt werden, sagt er, und das Grenz-Echo zitiert ihn mit dem Satz: "Drinnen im Haus Belgien sind wir ohnehin, rausschmeißen kann man uns eh nicht."

Het Laatste Nieuws bringt zu diesem Thema auch eine exklusive Meinungsumfrage und fasst deren Resultate in der Schlagzeile zusammen: Die Flamen möchten das Ende Belgiens nicht. Drei Viertel der Befragten lehnen die Spaltung Belgiens ab.

Hierzu meint L'Echo im Kommentar: Inzwischen denken die französischsprachigen Belgier schon konkreter über das Ende Belgiens nach als viele Flamen. In Flandern begreift man langsam, welche finanziellen Folgen der Separatismus haben würde.

Das sieht auch De Tijd im Leitartikel ähnlich: Nach dem Ende Belgiens werden uns die gebratenen Tauben nicht in den Mund fliegen. Deshalb bleibt der Plan B auch am besten der Plan B. Plan A muss eine umfassende und weitreichende Staatsreform sein, die den Bundesstaat Belgien wieder effizienter macht.

Redaktion: Klaus Haas