Katoen Natie - Kunst im Unternehmen

Die Schaltzentrale der internationalen Unternehmensgruppe Katoen Natie zeigt, dass Kunst nicht nur in Museen zu besichtigen ist, sondern auch als Teil des Alltags in der Geschäftswelt ihren Platz hat. So überraschen den Besucher, wenn er am Firmensitz von Katoen Natie in Antwerpen hereinkommt, zwei Schweine.

Es sind keine gewöhnlichen Schweine, sondern tätowierte, ausgestopfte Tiere – Werke des bekannten belgischen Künstlers Wim Delvoye. Die Mitarbeiter sind an den Anblick von „Eddy und Marcel“ (kleines Foto) mittlerweile wohl gewöhnt. Die meisten kennen vielleicht auch die Anekdote, die es hierzu zu erzählen gibt. Eine der Führerinnen, die an den Wochenenden und nach Betriebsschluss ganze Touristengruppen durch die Gebäude schleust, erzählt sie uns. Papa Delvoye sei natürlich auch schon hier gewesen und er habe verraten, dass sein Sohn, der übrigens Vegetarier ist (Red.), eine Schweinefarm in China für seine Tätowierungen besitze. Zum Zeitpunkt als er dies gesagt habe, sei das hierzulande noch nicht bekannt gewesen. Diese beiden Schweine, so wird bei Katoen Natie jedoch ausdrücklich hingewiesen, seien noch in Belgien tätowiert worden.

Ein Besucher fragt, wie viel denn so ein tätowiertes Schwein koste? Die Touristenführerin bleibt vage, es sei Kunst. Der Preis hänge also davon ab, wie viel ein Käufer zahlen wolle.

An der Wand, hinter den Schweinen, hängt das Werk "Theater" von dem CoBrA-Künstler Karel Appel.

Ein weiteres Werk Delvoyes sind die in Delfter Blau bemalten 13 Gasflaschen (Foto) im 1. Stock. Sie spiegeln sich im Fensterglas wieder.

Ebenfalls im 1. Stock steht das beeindruckende „Sofa“ „La Cicerenella“(großes Foto oben) von dem israelischen Künstler Philip Ranzer. Fernand Huts, der Chef von Katoen Natie und seine Frau hatten es 1992 auf der Documenta IX, in Kassel entdeckt.

Eine eigens für die Kunst zuständige Mitarbeiterin kümmert sich inzwischen um die beträchtliche Kunstsammlung, in die sich auch die hierzulande weniger bekannte Kunst aus Südamerika reiht. So kann der Besucher bei Katoen Natie vor allem Werke von Künstlern aus Uruguay betrachten. Sie alle haben zur Werkstatt El Taller Torres-Garcia gehört. Joaquim Torres-Garcia ermunterte seine Schüler dazu, seinen konstruktivistischen Stil zu gebrauchen. Sein Werk “Arte Constructivo” (Foto) hängt auch in der Sammlung von Katoen Natie, im 2. Stock.

In der Sammlung finden sich aber auch einige argentinische Künstler, deren Werke sich immer wieder auf die politische Lage und die Wirtschaftssituation in Argentinien beziehen. Unterdrückung, Armut, auferlegte Zensur während des Peron-Regimes in den 60er Jahren, die Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 sind ständig Thema in den Werken dieser Künstler. Themen wie Sexualität, Religion, Gewalt kommen immer wieder vor. Ein Beispiel ist das Werk “Ramona costurera“ (Foto) von Antonio Berni. Es stellt eine Prostituierte da, in dessen Auge eine Münze glänzt. Die Arbeit Bernis gehört zur wichtigsten und einflussreichsten in der argentinischen Kunst. Die „Ramona“-Reihe gehört übrigens zu den bekanntesten Werken von Berni. Hiermit gewann er 1962 die Biennale von Venedig.

Begegnung mit dem alten Ägypten

Katoen Natie in Antwerpen besitzt außerdem eine bedeutende Sammlung von textilen Geweben und Kunstobjekten aus der spätägyptischen Geschichte.

Zu sehen sind dort vor allem Tuniken, Mützen, Juwelen. Einige der Objekte stammen sogar aus der Zeit 2.000 v.Chr.

„Die meisten Gewebe sind in der römischen, byzantinischen und frühislamischen Zeit entstanden. Sie wurden bei Ausgrabungen in ägyptischen Nekropolen entdeckt. Angereichert wird die Sammlung durch persische Gewebe und einige an der Seidenstraße gefundene Textilien“, heißt es ergänzend in einem Faltblatt, das dort übrigens auch in deutscher Sprache ausliegt.

Die Textilausstellung soll ab Oktober 2011 von einem auf fünf Säle ausgeweitet werden. Am zweiten Oktoberwochenende 2011 findet in Antwerpen der zweijährliche  Kongress über koptische Textilien statt. Dann sollen auch die neuen Säle, ein pharaonischer Saal, ein römischer Saal, ein koptischer Saal, ein Tunicasaal und ein Islamsaal eingeweiht werden.

Die HeadquARTers, viel Licht und Raum

Der Firmensitz Katoen Natie und seine Kunstsammlung sind in einem von den Architekten Paul Robbrecht und Daem umgebauten „Ganzen“ (Foto) untergebracht. In diesem „Ganzen“ sind vier Lagerhäuser aus dem 19. Jahrhundert, zwei Jugendstil-Gebäude und ein Neubau zusammengefasst, die HeadquARTers. Hier wechseln sich Backstein und Holzbalkengewölbe mit Beton, Glas und Stahl ab.

Im Innenhof befindet sich ein Teich mit riesigen Fischen. Sie sehen gut genährt aus. Hier herrscht Stille, genau wie in den Büros nach Arbeitsschluss. Bis auf die Touristen, die Katoen Natie besuchen, manchmal sind es bis zu vier Gruppen gleichzeitig samt ihren Führern, ist hier nach Feierabend keine Menschenseele mehr. Dafür kommen die Kunstwerke umso mehr zur Geltung, zum Beispiel die imaginäre Weltkarte in Riesenformat. Die Länder, die hier eingezeichnet sind, gibt es eigentlich gar nicht.

Die Touristenführerin erzählt, dass es in den heutigen Büroräumen des Lagerhauses so dunkel gewesen sei, dass Kuppeln auf das Dach gesetzt wurden. Die spanische Künstlerin Cristina Iglesias hat die acht Kuppelstrukturen aus Alabaster und Bleiverglasung entworfen.

Die Kombination der Öffnung zwischen dem ersten und zweiten Stock des Lagerhauses und dem Licht, das durch die Kuppeln hereingelassen wird, verwandelt das enge dunkle Lagerhaus in einen angenehmen Büroraum.

Am Ende des Rundgangs darf natürlich ein Besuch im Betriebsrestaurant nicht fehlen. Das befindet sich in einem typischen Jugendstilgebäude aus dem Jahr 1910. Essen mit der „jungen Frau im schwarzen Kleid“ (“Jonge vrouw met zwart kleed”, Foto) von Gustave Van de Woestyne – was für ein Genuss!

Katoen Natie

HeadquARTers ist die Schaltzentrale der internationalen Unternehmensgruppe Katoen Natie. Diese weltweit operierende flämische Logistikgruppe hat ihren Firmensitz in Antwerpen. Katoen Natie wurde 1855 als Kooperative im Hafen von Antwerpen gegründet. Die ursprüngliche Aktivität von Katoen Natie war die logistische Unterstützung von Hafenunternehmen insbesondere mit Bezug zur Baumwolle und ähnlichen Gütern, daher auch der Name Katoen Natie. Ab den 80er Jahren erweiterte Katoen Natie seine Aktivitäten auf andere Industriezweige. Heute hat das Unternehmen weltweit über 100 Niederlassungen. Das in hochtechnologische Logistik und semiindustrielle Aktivitäten spezialisierte Unternehmen zählt rund 9.000 Mitarbeiter, darunter 2.500 in Belgien.

                                                                                                                                                                                                     Uta Neumann