"Diplomatie ist nichts für Chorknaben"

In den durch Wikileaks veröffentlichten Dokumenten des US-Außenministeriums kommt auch Belgien vor. "Wir sollten uns diesbezüglich nicht dumm stellen, auf der internationelen Bühne geht es einfach hart zu", sagt der scheidende belgische Außenminister Steven Vanackere. Ihn beunruhigen vielmehr die Berichte über Spionage.

Die Internetplattform hatte am Sonntag mehr als 250.000 Dokumente von US-Diplomaten in aller Welt veröffentlicht. Darin sind auch Details aus vertraulichen Gesprächen sowie persönliche Einschätzungen über Politiker enthalten. Die Veröffentlichung der Dokumente war deshalb weltweit von den Regierungen mit Nervosität erwartet worden.

Auch Belgien wird in den Unterlagen erwähnt. So beklagt die Türkei, dass unser Land zu lasch gegen Organisationen vorgehe, die Verbindungen zur PKK unterhielten.

Auch soll die VS Belgien gedrängt haben, einige Gefangene aus dem umstrittenen US- Gefangenenlager Guantánamo aufzunehmen. Washington soll der Regierung des scheidenden belgischen Premiers Yves Leterme mit dem Argument Druck gemacht haben, dass das eine günstige Gelegenheit für unser Land sei, einmal die erste Geige in Europa zu spielen.

Ansonsten habe WikiLeaks bislang noch nichts schockendes veröffentlicht, sagt Vanackere. Und auch die Bitte um die Aufnahme der Guantánamo-Häftlinge sei kein Leck. "Howard Gutman, der US-Botschafter in unserem Land, hat das fast wörtlich in einer Rede gesagt. Das sind in der Tat Argumente, die angebracht werden, aber deshalb beeinflusst das unsere Entscheidung noch lange nicht. Wir müssen nun auch nicht alles gleich zu einem Leck erheben", so Vanackere noch.

"Grenze zwischen Interesse und Mittel überschritten"

Was den belgischen Außenminister vor allem beunruhigt, ist jedoch die Verwechslung diplomatischer Aufgaben mit regelrechter Spionage. "Wenn Diplomaten dazu ermutigt werden, persönliche Informationen über einige Menschen einzuholen, ist die Grenze zwischen den Interessen und den Mitteln überschritten." Laut den veröffentlichten Unterlagen von WikiLeaks wollte die USA die Vereinten Nationen und deren Generalsekretär Ban Ki-moon ausspionieren.

"Es ist doch klar, dass das das Weiße Haus in Verlegenheit bringt. Einiges sollte nun einmla lieber geheim bleiben. Vielleicht sollten wir jedoch in dieser globalisierten Welt damit leben, dass Transparenz stets unerlässlicher wird", sagt Vanackere im VRT-Radio über die Rolle von WikiLeaks im Internet.

Nicht alles, was in den Unterlagen stünde, sei  beunruhigend. "Die harte Kritik an den Staatschefs übersteigt in keinster Weise das Niveau eines durchschnittlichen Leserbriefs und das passiert auch in unserer Diplomatie", relativiert der belgische Außenminister den Inhalt der Unterlagen. "Wir sollten uns diesbezüglich nicht dumm stellen, Diplomatie ist nichts für Chorknaben. Außerdem kann es auch helfen, Einsicht in die politische Situation eines Landes zu bekommen."

Trotzdem weist Vanackere auch darauf hin, dass er noch mehr Informationen einholen müsse, denn noch sei der Umfang von alledem nicht deutlich.

Die US-Regierung kritisierte die Wikileaks-Veröffentlichungen übrigens als rücksichtslos und gefährlich.