Die Hauptstadt von Europas Regionen

Brüssel ist nicht nur die Hauptstadt Belgiens, der Europäischen Union und des belgischen Bundeslandes Flandern. Bei weitem nicht. Brüssel ist auch die Hauptstadt der europäischen Regionen und Stadtstaaten. Mehr als 300 europäische Regionen, auch über die EU hinaus, unterhalten hier eine Vertretung.

Die erste dieser Vertretungen und Niederlassungen wurde bereits 1984 in Brüssel eröffnet. Interessant daran ist, dass die erste Niederlassung dieser Art nicht direkt von einer Region eröffnet wurde, sondern von einer Stadt: Birmingham.

Seit dem unternahmen rund 300 weitere Regionen, Stadtstaaten, Länder, Kantone, Provinzen und andere Entitäten diesen Schritt: Schottland und Wales zum Beispiel und auch alle deutschen Bundesländer und Städte, wie Hamburg und Bremen.

Auch Regionen, deren Heimatländer nicht unbedingt zur EU gehören, wie die Schweizer Kantone, sind hier vertreten.

Manche Länder und Regionen mieten ein Büro oder eine Haus in Brüssel, andere hingegen können auf Glanz und Gloria nicht verzichten, wie die Bayern zum Beispiel. Sie bezogen das prächtige Pasteurinstitut im Leopoldpark mitten im Herzen des Europaviertels.

Auf jeden Fall ist es für die Regionen wichtig, in Brüssel ganz nah bei den Einrichtungen der EU präsent zu sein.

Selbst einige Regionen aus eher zentralistisch organisierten Staaten, wie Frankreich oder Spanien zeigen Flagge in der Union. Manche mit viel Personal und einem recht hohen Haushalt.

Eine Armee von Lobbyisten?

Was bringt all diese Regionen dazu, sich in der europäischen Hauptstadt niederzulassen? Studien erwiesen, dass die ersten regionalen Vertretungen vor allem in den Bereichen Zuschüsse und/oder Strukturfonds aktiv waren.

Doch im Laufe der Zeit änderte sich dies, denn mittlerweile verhandeln direkte Ansprechpartner in den Heimatländern direkt mit der Union in Finanz- oder Subsidienfragen.

Heute wollen die regionalen Repräsentanzen im Zuge der immer weiter voranschreitenden Föderalisierung Einfluss auf Gesetze und Regelungen nehmen. Vor allem Länder und Regionen mit weitgehender Autonomie müssen sich häufig direkt mit geltendem europäischem Recht auseinander setzen.

Darunter fallen Bereiche, wie zum Beispiel Umweltpolitik, Landwirtschaft, Wohlfahrt, Mobilität und Verkehr sowie nicht zuletzt auch Wirtschaft und Industrie.

Hier ist vor allem - neben dem Versuch der direkten Einflussnahme - auch der informelle Weg wichtig. Man sucht Kontakte zu den EU-Kommissaren und zu EU-Beamten oder man nimmt an Treffen, Workshops oder Seminaren teil. Nicht zuletzt ist aber auch direkte Lobbyarbeit gefragt oder die Mitgliedschaft in Think Tanks.

Ausschuss der Regionen

Die Entscheidung der europäischen Regionen, sich mit Vertretungen oder selbst einer Art kleiner Botschaft in EU-Nähe niederzulassen, nahm 1994 schnellere Geschwindigkeit auf, als der Ausschuss der Regionen gegründet wurde.

Das so genannte "Europa der Regionen“ ist mittlerweile in den Augen der Betroffenen zu einer Utopie geworden und doch ist und bleibt es wichtig, in Brüssel sichtbar zu sein. Brüssel ist international gesehen für Länder, Regionen, Provinzen, Kantone oder Stadtstaaten - selbst europäische Großstädte ohne besondere Funktion haben ihre Standbein hier - ein "must“.

Wer hier nicht ist, der existiert wohl nicht. Nach der US-Hauptstadt Washington ist Brüssel wohl die Stadt mit der größten Anzahl an Diplomaten, Lobbyisten, Vertretern aller Art und auch Auslandskorrespondenten auf der ganzen Welt - im positiven, wie auch im negativen Sinne…