"Gleiche Regeln in Flandern und Wallonien"

Der Saal am Mittwochabend im Koloniënpaleis in Tervuren ist voll besetzt. 300 Gäste hatten sich vorab bereits für Speaker’s Corner eingeschrieben, heißt es. Die hier lebenden und arbeitenden Ausländer und die internationale Presse wollen wissen, warum die Strukturen in Belgien so kompliziert sind. "Warum ist Belgien nicht einfach zweisprachig", lautet auch der Titel der Veranstaltung, der von der flämischen Regierung im Rahmen der belgischen EU-Präsidentschaft veranstaltet wird. Die Debatte wird ins Französische, Deutsche und Englische simultan übersetzt.

„Eine Sprache ist doch zum Verstehen da“, sagt die seit 13 Jahren in Belgien lebende Österreicherin Astrid Sabitzer (kleines Foto), die übrigens die drei Landessprachen Niederländisch, Französisch und Deutsch spricht.

Trotzdem, so erzählt sie, wird sie immer wieder mit Sprachschwierigkeiten konfrontiert. Sie will wissen, warum sie sich mit niederländischen Papieren beim Amt in Vilvoorde herumschlagen muss, obwohl ihr doch Französisch leichter falle. Schließlich sei sie Ausländerin und bemühe sich doch schon andere Sprachen zu sprechen.

Die Vorträge von Speaker’s Corner sollen ihr mehr Aufschluss geben. Das Ziel dieses Abends ist es, die Expats mit Persönlichkeiten aus Flandern in Kontakt zu bringen und ihnen einmal ihre Sicht der Dinge zu erläutern. Anwesend sind unter anderem Prof. Dr. Hendrik Vuye von der Universität Namur, der ehemalige Ministerpräsident von Flandern und Vorsitzende des flämisch-europäischen Verbindungsbüros, Luc Van den Brande sowie der flämische Minister für Integration, Geert Bourgeois, in dessen Auftrag die Organisation „de Rand“ den Infoabend veranstaltet.

"Akzeptieren Sie Flandern, wie es ist!"

„Eine Grundregel in Belgien lautet, dass der Sprachgebrauch zwischen den Bürgern frei, aber der Sprachgebrauch zwischen dem Staat, also Verwaltung, Gericht und Bildungswesen und den Bürgern fest geregelt ist. Das heißt, dass ein Restaurantbesitzer in Flandern seine Speisekarte ohne weiteres auf Französisch anbieten darf“, beginnt Prof. Dr. Hendrik Vuye (kleines Foto, links) von der Universität Namur seinen Vortrag. Er ist in Flandern geboren und arbeitet als Professor für Verfassungsrecht und Menschenrechte in Wallonien und ist der erste Redner des Abends.

Die Zeit, als es noch keine Sprachgesetze gab, so fährt Prof. Vuye fort, sei ein Alptraum gewesen, denn „die französische Sprache wurde diesem Land auferlegt“. Belgien war also einst einsprachig, denn Gesetze und Erlasse habe es nur auf Französisch gegeben, obwohl in der Verfassung gestanden habe, dass die Sprache frei sei.

Prof. Vuye spricht von der sozialen Sprachgrenze und davon, dass die Elitepositionen französischsprachig gewesen seien. „Wir brauchten also Sprachgesetze, denn der Sprachkonflikt war auch ein Emanzipationskampf.“

Die Festlegung der Sprachgrenze, so erklärt der Professor noch, erfolgte im Gesetz vom 8. November 1962 und das Sprachgesetz vom 2. August 1963 teilte Belgien in vier Sprachgebiete: in ein niederländisches, französisches, ein deutsches und eine zweisprachige Brüsseler Agglomeration. In den homogenen Sprachgebieten gilt die Regionssprache als offizielle Amtssprache der Verwaltung und des Unterrichts. Mehrere Gemeinden der Sprachgrenze entlang und um Brüssel mit mindestens 30 % Anderssprachigen haben ein Fazilitätenstatut bekommen, die so genannten Spracherleichterungen.

Ist dies nun für immer so oder nur als zeitliche Maßnahme zur Förderung der Integration? Hierin gehen die Interpretationen auseinander, denn das Gesetz, so der Professor, sei nicht eindeutig.

6 Fazilitätengemeinden für die Bürger

Die 6 Fazilitätengemeinden im Brüsseler Umfeld (Rand), führt Vuye fort, gelten für die Bürger, aber nicht für die Verwaltungen. „Ein Bürger darf sich also auf Französisch an die Verwaltung wenden, aber die Verwaltung muss ihm auf Niederländisch antworten.“ Der Bürger müsse seinen Antrag auf Fazilität, also Spracherleichterung, stets neu stellen.

Diese Spielregeln gelten schließlich überall in Belgien. „Flandern hat keine anderen Regeln als Wallonien.“ Das Belgien nicht zweisprachig ist, sei schließlich eine politische Entscheidung von einem demokratisch gewählten Parlament gewesen.

Es gebe jedoch immer wieder Missverständnisse und die internationale Presse trüge auch nicht gerade zu einem richtigen Bild unseres Landes bei.

Dass Belgien noch immer keine Regierung hat, spielt er mit einem Scherz hinunter: „Es hat Vorteile mehrere Regierungen zu haben. Wenn eine, zum Beispiel die belgische, nicht funktioniert, spüren wir das kaum.“

"Wir sind ein offenes Land", schließt der Professor und appelliert an die Expats: "Seien Sie kritisch mit Flandern und Belgien, aber akzeptieren Sie Flandern wie es ist!"

"Ich glaube an das Lasagne-Prinzip"

Auch der ehemalige Ministerpräsident von Flandern und Vorsitzende des flämisch-europäischen Verbindungsbüros, Luc Van den Brande (kleines Foto), der mit seiner Rede anschließt, spricht von zahlreichen Missverständnissen, die zu einem Imageproblem von Flandern führen. Belgien sei aber eines der wenigen Länder, in denen zwei Kulturen sich schon seit langer Zeit bemühten, friedlich miteinander zu leben.

„Nur durch klare Vereinbarungen könnten sich die Gemeinschaften näher kommen“, führt er aus und gewisse Verabredungen und Regeln seien eben wichtig.

„Ich glaube an das Lasagne-Prinzip.“ Jeder Bürger fühle sich doch zunächst mit seinem Heimatort verbunden und sieht sich dann erst als Flame oder Belgier oder Europäer. “Wir werden irgendwann föderaler denken und müssen in Europa mehr über Eigenmittel sprechen. Ich bin nicht davon überzeugt, dass wir  durch eine Teilung des Landes Belgien befrieden können. Wir müssen aber klare Schritte machen.“

Der flämische Minister für Integration, Geert Bourgeois (kleines Foto, unten), schließt die Debatte und weist noch einmal auf die komplexe Situation in Belgien hin, die mit keinem anderen Land vergleichbar sei. Man könne Respekt für die Sprachgrenzen einfordern, aber müsse auch den Nachbarn Respekt zollen. Er appelliert ebenfalls an die Expats: „Die Kenntnis der niederländischen Sprache am (Brüsseler, Red.) Rand sollte als Chance gesehen werden, nicht als Last!“

„Eine interessanter Abend, findet die Österreicherin Astrid Sabitzer bei einem Häppchen für die Expats nach der Veranstaltung. „Eine Lösung habe der Abend nicht gebracht, aber zumindest ein bisschen mehr Einsicht in die geschichtliche Entwicklung.“

                                                                                                                                                                                                      Uta Neumann