Engländer genießen, die Deutsche schweigt

Vorweihnachtszeit ist Weihnachtsmarkt-Zeit. Hier in Brüssel dauert der Weihnachtsmarkt allerdings bis ins Neue Jahr hinein. Der Brüsseler Weihnachtsmarkt ist bunt gemischt und international, genau wie das Völkchen, das hier lebt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der diesjährige Ehrengast des Brüsseler Weihnachtsmarktes Marokko ist.

Es ist kalt, nieselt und viel los in der Stadt, trotzdem scheinen alle die gleiche Idee an diesem Mittwochabend zu haben, nämlich über den Brüsseler Weihnachtsmarkt zu spazieren.

Der verläuft wie jedes Jahr von der Börse zum Sint-Katelijne-Platz und Fischmarkt. Und wie in den vergangenen Jahren zählt der Weihnachtsmarkt auch in diesem Jahr wieder rund 240 Buden, manche schön weihnachtlich geschmückt, andere, so findet Géraldine aus Blankenberge, die schon seit sieben Jahren mit ihrem Stand Finesaveurs beim Brüsseler Weihnachtsmarkt vertreten ist, hätten nichts mehr mit Weihnachten zu tun.

So dudelt aus einem Lautsprecher ganz in der Nähe Hip Hop-Musik und ein Stück weiter riecht es nach Pizza. „Hier wird aber auch alles akzeptiert, nur um Profit zu machen und das zu Lasten der Buden, die handgemachte Produkte feilbieten“, so Géraldine noch. Sie verkauft Olivenöl, Kräuter und Gewürze und hat inzwischen einen festen Kundenstamm hier. Trotzdem würden die Leute während der Woche eher spazieren gehen, am Wochenende liefe das Geschäft besser. Das bestätigt auch die Dame an der Kasse des Riesenrads, das an diesem Abend recht verlassen aussieht. Viele Brüsseler kennen es schon und die Touristen steigen wohl eher am Wochenende ein und schießen ein Panoramafoto von Europas Hauptstadt.

"Wir sind Gesellschaft, die sich Europa und Belgien nähert"

Was viele Brüsseler jedoch noch nicht kennen, ist das große weiße Zelt auf dem Oude Graanmarkt, Ecke Sint-Katelijnestraat. Von außen sieht es eher aus wie ein deutsches Bierzelt, drinnen heißen die Besucher jedoch freundliche, fremdländische Gesichter willkommen. Hier werden marokkanische Spezialitäten präsentiert, von süßen Leckereien über Handwerksprodukte bis hin zum Verkauf von Reisen. Marokko ist in diesem Jahr Ehrengast auf dem Brüsseler Weihnachtsmarkt und will für sich werben.

Auf die Frage, ob es nicht etwas seltsam sei, dass sich ein muslimisches Land ausgerechnet auf dem Weihnachtsmarkt präsentiere, antwortet Elgarti Mohamed, der normalerweise in Fès wohnt und arbeitet, in gebrochenem Französisch: „Nein, überhaupt nicht, denn wir sind eine Gesellschaft, die sich Europa und Belgien nähert.“ Sein Kollege Essaidi Hecham aus Meknès vom Stand nebenan, meint pragmatisch: „Viele Leute fahren vor Weihnachten nach Marokko, um dort Geschenke einzukaufen, also verkaufen wir die Sachen gleich hier.“

Die Auswahl ist groß, unter anderem Leder- und Töpferwaren, Schmuck und traditionelle Teekannen werden hier vor den Augen des Besuchers gefertigt, bearbeitet und natürlich verkauft. Um die 10 Tage findet ein anderer Folkloreauftritt statt, nächste Woche ist Folklore aus Marrakesch an der Reihe.

„Broschüren über Marokko liegen nur auf Französisch und Englisch aus“, kritisiert der junge Flame Jan aus Brüssel. Es fehlten Infoblätter auf Niederländisch und Deutsch.

Wer hier nicht auf seine Kosten kommt, kann sich ein Stück weiter auf der Schlittschuhbahn vergnügen oder findet vielleicht ein Geschenk am Stand mit Modelleisenbahnen einer deutschen Marke.

"Engländer und Spanier gönnen sich einfach etwas mehr zum Fest"

Letztes Jahr sei alles viel billiger gewesen, findet Jan, der Weihnachtsmarkt mache aber immer noch Spaß.

So sind auch in diesem Jahr wieder die nostalgischen alten Karussels aufgebaut und um die Ecke gibt es gebrannte Mandeln und Erdnüsse. Ja, Brüssel sei eben teuer, findet auch Marie-Louise aus Luxemburg, die für diesen Stand verantwortlich ist. Die, die am meisten konsumieren seien die Engländer und die Spanier. „Sie gönnen sich einfach etwas mehr zum Fest, während die Deutschen alles zu teuer finden.“

Auch die Flamen seien eher hier, um sich etwas gutes zu tun, so wie ich, obwohl ich doch Deutsche bin und am Ende geht’s also doch noch zum Crêpes-Stand aus Lüttich. Hier gibt es Crêpes nach französischer Art mit viel Schokolade darauf - für 3,50 Euro. Ganz schön teuer, finde ich, aber ich schweige und genieße!

                                                                                                                                                                                                Uta Neumann