Nationalbank stellt Lohnindex in Frage

Die Belgische Nationalbank (NBB) stellt den Index, der in Belgien als Gradmesser für Lohn- und Gehalts-Anpassungen gilt, in Frage. NBB-Gouverneur Guy Quaden weist im Jahresbericht 2010 auf die Inflation hin, die derzeit zu den höchsten in der Eurozone gehört.

Belgien steht in diesen Tagen wirtschaftlich gesehen nicht schlecht da, wie Guy Quaden (großes Foto), der Gouverneur der Nationalbank recht optimistisch angibt. Im Vergleich mit den anderen EU-Mitgliedstaaten liegt unser Land über dem Durchschnitt beim Wachstum (+2% beim Brutto-Inlandprodukt), beim Haushalt, in Sachen Arbeitsmarkt und auch bei der Binnennachfrage.

Und doch beinhaltet der Jahresbericht 2010 der Belgischen Nationalbank (NBB) zwei scharfe Warnungen: Belgien und seine geschäftsführende Regierung müssen unbedingt die Staatsfinanzen ins Reine bringen, denn unser Land müsse auf internationaler Ebene wieder Vertrauen gewinnen.

Zudem hält Guy Quaden die Tatsache, dass die Inflation in Belgien die fast höchste ihrer Art in der Eurozone, als in den Ländern, in denen der Euro die geltende Währung ist, darstellt.

Nur in Griechenland, auf Zypern und in Luxemburg ist die Inflationsrate noch höher als bei uns.

Vor allem die Energiepreise und die Preise für Lebensmittel sind im vergangenen Jahr wieder angestiegen und sorgen für weitere Indexsteigerungen. Dies hat automatisch eine Anpassung der Löhne- und Gehälter, sowie der Sozialtarife zur Folge, die mit den Referenzpreisen - dazu gehören zum Beispiel die Preise für Lebensmittel oder für Strom und Gas - einhergehen.

Reizthemen Index und Energiepreise

Den Index in Belgien öffentlich in Frage zu stellen ist kein leichtes Unterfangen, denn die Gewerkschaften weigern sich ständig, dies zur Disposition zu stellen. Die Anpassung der Gehälter und der Sozialtarife an die Teuerungsrate ist in ihren Augen die beste Waffe, um die Kaufkraft der Arbeitnehmer hoch zu halten. Bezeichnend ist denn auch, dass die beiden Gewerkschaftsvertreter im Rat der Nationalbank, Luc Cortebeek (ACV) und Rudy De Leeuw (ABVV), den Abschlussbericht der NBB nicht mit unterschrieben haben.

Der Wirtschaft ist die Indexanpassung schon immer ein Dorn im Auge, denn sie wirkt sich durch die daraus resultierenden hohen Lohnkosten in Belgien direkt auf die Konkurrenzfähigkeit unseres Landes aus. Zudem hat sie eine hemmende Wirkung auf Investitionen aus dem Ausland in die hiesige Ökonomie.

In diesem Zusammenhang steht derzeit auch der belgische Elektrizitätsmulti Electrabel, eine Tochter des französischen Staatskonzerns GDF-Suez, in der Kritik.

Elektrabel und der kleine Mitspieler auf dem belgischen Strom- und Gasmarkt, Luminus, müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, ihre überdurchschnittlich hohen Energiepreise künstlich anzuheben, in dem sie ohne mit der Wimper zu zucken steigende Rohstoffpreise sofort an die Verbraucher weitergeben.

Da die Energiepreise in Belgien zu den Referenzwerten zur Berechnung des Index gehören, wird dem Energiesektor indirekt vorgeworfen, die Wettbewerbsfähigkeit Belgiens zu schmälern. Diesem Vorwurf schließen sich mittlerweile fast alle relevanten Verbände in Belgien an - von Verbraucherschützern bis zu politischen Parteien, von Wirtschaftsverbänden bis hin zu den Gewerkschaften.