Belgien hält internationale Presse fit

Die Presse in Europa folgt schon seit Monaten aufmerksam die Politikkrise in Belgien. Und sie findet zum Teil auch am heutigen Donnerstag wieder ein Echo in den internationalen Medien, denn unser Land stellt mit der Regierungskrise einen neuen Weltrekord auf.

Niederlande: "Das Recht, einander nicht zu verstehen"

Unser Nachbar, die Niederlande schenkt Belgien einige Aufmerksamkeit mit kleinen Berichten in Zeitungen und Fernsehprogrammen. Das Blatt Trouw spricht von einem "bitteren Weltrekord" und lässt den Politologen Dave Sinardet von der Freien Universität Brüssel (VUB) und der Universität von Antwerpen (UA) mit Hilfe von fünf Fragen erklären, warum und wie unser Land diesen Rekord erzielt hat.

Das Gratisblättchen DePers hat zwei Journalisten in unser Land gesandt, um die Situation hierzulande zu studieren. In dieser Woche erscheint sogar jeden Tag eine Sonderbeilage zu Belgien. Die Redaktion spricht von "dem einzigen Land der Welt, in dem die Menschen das Recht haben, gegenseitig nicht gut miteinander auszukommen". Die Zeitung zitiert den belgischen Künstler Kamagurka. "Ich füge eine Karikatur in drei Wochen hinzu. Mehr braucht es nicht. Das ist nicht witzig, weil die Probleme,  über die die Politiker stolpern viel zu klein sind im Verhältnis zu den Problemen, die sie schaffen."

Frankreich: "Gibt es noch einen Ausweg?"

Die Franzosen verfolgen mit Argusaugen, was in ihrem Nachbarland passiert. Die rechte Zeitung Le Figaro, die Belgien stets viel Aufmerksamkeit schenkt, stellt sich am heutigen Donnerstag die Frage, ob das Ganze nicht eine Krise ohne Ende zu werden droht.

Das ist auch eine Frage, die sich die linksgerichtete seriöse Zeitung Le Monde stellt: Ist noch eine Lösung möglich? Neben den ernsthaften Auseinandersetzungen mit Belgien wird von ironischen und lustigen Aktionen anläßlich der Krise in unserem Land berichtet. Vielleicht ist Humor die einzig richtige Art und Weise, um hiermit umzugehen, heißt es in Le Monde.

France Soir und Libération stellen die so genannte "Frittenrevolution" in den Mittelpunkt.

Großbritannien: "Kafka-Saga"

Auch in Großbritannien wird der Weltrekord erwähnt. The Telegraph notiert, dass die Löhne der belgischen Parlamentarier in den vergangenen acht Monaten sogar noch gestiegen seien. "Die belgische Bevölkerung ist sauer", heißt es. "Im Internet läuft eine Kampagne, in der die Bürger aufrufen, das Geld, das die Politiker seit Juni 2010 erhalten haben, zurück zu überweisen, falls keine Lösung erzielt werde", betont die Zeitung. Die Unfähigkeit eines Landes, das den Vorsitz der Europäischen Union inne hatte, eine Regierung zu bilden, sei auch sehr beschämend, schreibt The Telegraph noch.

Auf der Webseite von The Financial Times werden in einem Blog Vergleiche zum Irak gezogen. "Wenn im Irak sektiererische Unterschiede überwunden werden können, könnte das vielleicht auch irgendwann einmal in Belgien gelingen, obwohl das natürlich nicht sofort wäre", so der Korrespondent Stanley Pignal. "Der Rekord der Regierungskrise wird vom belgischen Volk mit einer Mischung aus Belustigung und stiller Verzweiflung beobachtet."

Belgiens Politik wird eine Kafka-Saga genannt. "Was haben die Politiker in den acht Monaten - einem Zeitraum, in dem es anderen Ländern meistens gelingt, eine Regierung zu bilden - gemacht, außer bei der Bevölkerung in Ungnade zu fallen?" Es wurde vor allem über die Art und Weise der Verhandlungsführung verhandelt. Der Durchschnittsbelgier bekommt nur wenig davon mit. "Belgien hatte im zweiten Halbjahr 2010 erfolgreich den EU-Vorsitz inne, die geschäftsführende Regierung sucht und findet Antworten und es wird darauf geachtet, dass die Züge nach Fahrplan fahren."

Auch das noch: "Demütigung wird gefeiert"

Sogar in den Vereinigten Staaten wird der Rekord Belgiens bemerkt, wenn auch mit einem erstaunten Unterton. "Warum die Möglichkeit einer guten Party verstreichen lassen?", heißt es ironisch in der Miami Herald, die mehrere Veranstaltungen zur "Feier des Rekordes" aufzählt. "Überall Feste, für ein Ereignis, das die Menschen woanders in der Welt als ein Versagen empfinden würden."

Deutschland: Sex-Streik, Anlass zur Aufklärung über Belgien

In der deutschen Presse wurde teilweise schon in den vergangenen Tagen über die Regierungskrise in Belgien berichtet. So heißt es am Montag auf der Webseite des Deutschlandfunks: " Seit 246 Tagen verharrt Belgien in regierungslosem Stillstand. Weil sich die flämischen und wallonischen Wahlgewinner nicht einigen können, liegt der Auftrag zu den Gesprächen jetzt sogar beim Wahlverlierer: Belgien nimmt's mit Humor."

Die Webseite des Spiegels griff letzte Woche bereits die Idee des Sex-Streiks auf. "Um endlich zu einem Ergebnis zu kommen, machte eine Parlamentarierin einen nicht so ernst gemeinten Vorschlag: Die Belgierinnen sollen einen Sex-Streik beginnen", heißt es auf der Seite. Auch die Webseite der Bildzeitung schreibt über den Sex-Streik und die Frankfurter Rundschau erklärt die Situation in Belgien in einem Video, wobei der Sex-Streik gegen Politiker Aufhänger des Berichts ist.

Die Frankfurter Allgemeines Zeitung publiziert gleich zwei Artikel zum Thema Belgien, einen über Belgiens Nationalbank  und die Lohnindexierung und einen über den Rekord der Regierungskrise. Michael Stabenow, der schon über 20 Jahre FAZ -Korrespondent in Brüssel ist, hat seit den Wahlen am 13. Juni nicht weniger als 50 Artikel zu Belgien geschrieben. Er sagte der Agentur Belga gegenüber: "Belgien ist ein Nachbarland. Es ist auch einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Deutschlands. Deutschland interessiert sich deshalb sehr für Belgien." Ihm zufolge werde wohl noch mehr als der politische Wille, nämlich der Druck der Wirtschaft die Politiker dazu zwingen, einen Kompromiss zu finden.