Keine Kaffeefahrt durch Brüssel

Der Frühling naht und bald ist wieder Hochsaison für Stadtführer in Belgien. Einer dieser Stadtführer ist der aus Hamburg stammende Malte Woydt, der vor allem deutschsprachiges Publikum durch Brüssel lotst. Er hat sich auf Führungen mit sozialwirtschaftlichem Hintergrund spezialisiert.

Wird er gefragt, was das für ein Standbild ist oder wer ein bestimmtes Bild gemalt hat, so antwortet der aus Deutschland stammende Brüsseler Stadtführer Malte Woydt wahrheitsgemäß, dass er es nicht wisse, denn Kunsthistorik kommt in seinen Stadtführungen nur vor, wenn sie in Zusammenhang mit einem sozialpolitischen Hintergrund steht. Er sei kein Kunsthistoriker, das sei eine andere Art von Führung, so Woydt.

Wer eine Kaffeefahrt durch Brüssel machen will, ist bei ihm erst recht an der falschen Adresse, der sollte sich lieber beim Fremdenverkehrsamt erkundigen. Malte Woydt, der seit über 14 Jahren in Belgien wohnt und arbeitet und mit einer Brüsselerin verheiratet ist, hat viel über Brüssel zu erzählen. Für ihn ist Brüssel nicht einfach eine Oberfläche zum Abfotografieren, sondern seine Führungen erfordern Konzentration und das drei Stunden lang.

„Ich bin zufrieden, wenn die Leute sich amüsieren und gleichzeitig viel über diese Stadt lernen“, so der gebürtige Hamburger. Seine Spezialität sind politische Führungen und Führungen mit sozialwirtschaftlichem Hintergrund.

Luft in Molenbeek besser als in Kraainem?

Er kann Stunden lang über die Stadtentwicklung, Spekulationsgeschäfte mit Immobilien, den Büromarkt oder die Einwanderer in Brüssel erzählen und führt die Besucher dabei immer an Stellen, die seine Erzählungen veranschaulichen.

So erzählt der Politik- und Geschichtswissenschaftler zum Beispiel Schülern aus Molenbeek, dass sie besonders günstig wohnten, denn die Luft im Westen einer Großstadt sei meist reiner als im Osten, weil der Wind häufig aus westlicher Richtung komme. In fast allen Großstädten lägen die schicken, teuren Viertel deshalb im Westen der Stadt. Nur Brüssel sei eine Ausnahme. Hier koste ein Häuschen im Osten der Stadt etwa das Doppelte wie ein vergleichbares im Westen der Stadt.

Malte weiß warum: „Einst hatten sich in der Oberstadt (im Osten Brüssels) reiche Bürger, also die Adels- und Geldaristokratie angesiedelt, damit sie auf die Unterstadt (den Westen Brüssels, u.a. auch das Marollenviertel…) herunterschauen konnten. Die Oberstadt liegt etwas höher und so glaubten die Bürger, hier sei die Luft gesünder. Außerdem hatten sie auf diese Weise eine bessere Kontrolle über die Unterstädter. Mit dem Ausbau des Leopoldviertels, auch EU-Viertel genannt, sind die wohlhabenden Leute immer weiter hinaus nach Osten und Südosten gezogen. Die Einwohner dort wissen also, dass sie in einem vornehmen Viertel wohnen, aber sie wissen oft nicht warum das Viertel so teuer ist.“

Der beste Platz, um dies alles zu veranschaulichen, sei übrigens der Platz vor dem Justizpalast. Hier hat man die Oberstadt im Rücken und kann gut auf die Unterstadt herabsehen. Malte fügt dann auch noch ganz gerne mit einem Schmunzeln hinzu: „Da die Leute inzwischen aber weiter draußen wohnen, ist die ursprüngliche Wirkung, vom Hügel hinuntersehen zu können, verloren.“

Eine weitere Auffälligkeit in Brüssel sei zudem, dass sich das Zentrum der Stadt nicht in der Mitte befinde, denn alle Leute wollten immer in den guten Vierteln wohnen. Nirgends in Europa könne man deshalb so günstig im Westen wohnen und sei so schnell in der Innenstadt wie in Brüssel, erklärt Malte noch.

70% seiner Klientel ist deutschsprachig

Die Führungen des 41-Jährigen sind individuell abgestimmte Führungen, denn „es macht keinen Sinn, die Leute künstlich durch die Stadt zu jagen.“ Besuchern, die aus Ländern kommen, in denen Denkmalschutz betrieben wird, brauche man nicht mehr den Sinn der Konservierung alter Häuser erklären. „Habe ich eine chinesische Gruppe vor mir, muss ich ihnen sehr wohl den Denkmalschutz erläutern, denn die verstehen überhaupt nicht, warum wir den alten Krempel aufheben.“

Am schwierigsten sei es mit Gruppen, die nicht den gleichen Hintergrund mitbrächten. Mit Akademikern täte er sich meistens am leichtesten, aber auch Kegelclubs oder politische Vereine würde er mit Freude durch Brüssel führen. „Es gibt Kollegen, die meinen, man müsste bei weniger gebildeten Gruppen mit dem Niveau heruntergehen, aber das finde ich nicht“, so Malte. „Man muss den Inhalt einfach nur anders verpacken.“ Häufig seien solche Gruppen sogar besonders aufmerksame Zuhörer.

70 Prozent der Klientel von Malte ist übrigens deutschsprachig. An die 150 Führungen im Jahr gibt er und die Anfrage steigt. Es ist ein saisonbedingter Job, der vor allem im Mai, Juni, September und Oktober seine Hochzeit hat. Die Kunden von Malte sind in erster Linie organisierte Besucherreisen zu den EU-Institutionen, die ihren Sonntag mit einer Führung durch Brüssel füllen. Außerdem buchten ihn viele Leute, die in Belgien leben und die ihrer Familie oder ihren Freunden Brüssel einmal anders zeigen wollten. Wer als Einzelperson bei ihm buchen möchte, kann das nur über eine Mailingliste, das heißt, er muss sich einer Gruppe anschließen.

Keine Struktur im EU-Viertel

Geographisch umfassen seine Führungen vor allem die Brüsseler Innenstadt und alle „Ecken drum herum“, also Molenbeek, Kuregem, Sint-Gillis, Matongé, das EU-Viertel, Sint-Joost-ten-Node und Schaarbeek.

Was viele Besucher, die zum ersten Mal Brüssel besuchen, immer wieder erstaunt, ist, „dass das EU-Viertel so verkorkst ist“, sagt Malte. „Die Leute denken, sie bekommen in Brüssel ein Regierungsviertel zu sehen, aber städtebaulich ist die Hauptstadt Europas nicht sichtbar. Das EU-Viertel ist anarchistisch gewachsen, das heißt zufällig durch Immobilienspekulation entstanden, es hat keine Struktur.“ Außerdem seien die Leute immer wieder überrascht, dass ein Land, das geographisch so nah an Deutschland liegt, kulturell so verschieden sein kann.

Bei Fragen nach der politischen Situation in Belgien verweist Malte ganz einfach auf seine Vorträge zu Belgien, die man bei ihm extra mieten kann. In ein paar Sätzen ist die Situation hier in der Tat nicht zu erklären, besonders dann nicht, wenn man ein objektives Bild wiedergeben möchte.

Weitere Informationen zu Malte Woydts Führungen in Brüssel finden Sie unter der Webseite: www.woydt.be.

                                                                                                                                                                                                    Uta Neumann