Welche Sprache benutze ich bei Behörden?

Bei Kontakten mit den Behörden soll die Sprache des Sprachgebiets, in dem die Behörde sich befindet, benutzt werden. In Flandern ist das Niederländisch, in Wallonien Französisch oder Deutsch in Ostbelgien, in Brüssel Niederländisch oder Französisch. Diese Regel gilt in den meisten Fällen nur für die Behörden selbst. Man ist selbst also nicht immer verpflichtet, die offizielle Sprache zu benutzen bei der Kommunikation mit den Behörden. Der Beamte wird meistens nur die Amtssprache benutzen und Dokumente sind nur in der offiziellen Sprache abgefasst.

Wegen seiner Staatsstruktur hat Belgien verschiedene Verwaltungsebenen. Es gibt die föderalen (zentralen) Behörden, die Gemeinschaften und die Regionen, die sich teilweise überlappen, die Provinzen und die Gemeinden. Mit bestimmten Behörden kommt man ja öfter in Kontakt als mit anderen.

Die Sprache jeder Behörde ist grundsätzlich die des Sprachgebiets, in dem sie sich befindet. Mit anderen Worten: Die Regionssprache ist die Amtssprache. Diese Regel gilt immer für die Behörden. Sie können also davon ausgehen, dass der Beamte Ihre Sprache versteht. Die Behörden dürfen übrigens in den meisten Fällen nur in der Amtssprache antworten. Die Dokumente der Behörden sind auch nur in der Amtssprache abgefasst.

BEI DER GEMEINDE

Die Gemeinde ist die Verwaltungsebene, die den Menschen am nächsten steht. Bei der Gemeinde holen Sie Ihren Personalausweis ab, bekommen Sie Informationen über die Müllentsorgung, Sie richten sich an die Gemeinde für eine Adressenänderung, für eine Geburts- und Heiratsanzeige. Jede Gemeinde gehört zu einem bestimmten Sprachgebiet und kommuniziert in der Sprache dieses Sprachgebiets. Eine Gemeinde im niederländischen Sprachgebiet kommuniziert nur auf Niederländisch, eine Gemeinde im französischen Sprachgebiet nur auf Französisch. In Brüssel sollen die Einwohner sich sowohl auf Niederländisch als auch auf Französisch an die Gemeinde richten können.

Dieselbe Sprachregelung gilt für die öffentlichen Sozialhilfezentren (ÖSHZ, OCMW,CPAS) die mit der Gemeinde verbunden sind. Diese Sozialämter befassen sich unter anderem mit der Beschaffung bezahlbarer Wohnungen und ausreichenden Existenzmitteln für Menschen, die finanzielle Probleme haben.

SPRACHFAZILITÄTEN: AUSNAHME

Für die Fazilitätengemeinden (Gemeinden mit Spracherleichterungen, Red.!) gibt es eine Sonderregelung. Diese Gemeinden befinden sich zwar in einem einsprachigen Sprachgebiet, aber gewähren ‘Fazilitäten', 'Erleichterungen‘ für anderssprachige Einwohner. Die sechs Fazilitätengemeinden befinden sich rund um Brüssel im niederländischen Sprachgebiet, wo Fazilitäten für französischsprachige Einwohner gelten. In den Gemeinden Drogenbos, Kraainem, Linkebeek, Sint-Genesius-Rode, Wemmel und Wezembeek-Oppem kann ein Einwohner darum bitten, ein bestimmtes Dokument auf Französisch zu erhalten. Diese Gemeinden sind nicht zweisprachig wie die Gemeinden der Region Brüssel-Hauptstadt. Offizielle Berichte und Mitteilungen müssen auf Niederländisch und auf Französisch erfolgen, individuelle Kommunikation geschieht normalerweise auf Niederländisch, aber ist ausnahmsweise auch auf Französisch möglich.

Von Anfang an gab es Uneinigkeit über den Zweck der Fazilitäten. Für französischsprachige Politiker sind es ständige Rechte. Für flämische Politiker sind Fazilitäten eine zeitliche Vergünstigung für Zuwanderer aus einem anderen Sprachgebiet, die die Sprache noch nicht beherrschen. Die Gesetzgebung selbst bleibt undeutlich über die Ziele, so dass gegensätzliche Interpretationen bestehen bleiben. Die Regelung hat u.a. eine starke Anziehungskraft für Französischsprachige (und Anderssprachige), die im grünen flämischen Rand nahe an Brüssel wohnen möchten. Dadurch hat sich das Sprachgleichgewicht in diesen Gemeinden inzwischen verschoben. Die Mehrheit ist Französischsprachig oder anderssprachig und hat sich nicht dem niederländischsprachigen Charakter der Gegend angepasst. Das sorgt für politische Diskussionen über das Sprachstatut dieser sechs Gemeinden.

ÄRGER

Über die Sprachregeln am Gemeindeschalter im „Vlaamse Rand” herrscht bei manchen Leuten Unmut oder Unverständnis. Warum sprechen die Beamten nicht einfach Französisch oder Englisch, da die meisten flämischen Beamten diese Sprachen sprechen? Das Prinzip Regionssprache = Amtssprache wird aber überall auf der Welt akzeptiert. In den spanischen Rathäusern wird ja auch kein Französisch oder Englisch gesprochen. In der schweizerischen Stadt Genf kann einem nur auf Französisch weitergeholfen werden, obwohl die Stadt, so wie Brüssel, zahlreiche internationale Organisationen beherbergt (VN, WHO, UNAIDS, WTO). Im französischen Sprachgebiet Belgiens wird auch kein Niederländisch gesprochen.
Nun ist es aber so, dass man in Flandern durch die Erfahrung mit der starken Französisierung und Internationalisierung dazu gezwungen wurde, Maßnahmen zu ergreifen, damit der niederländischsprachige Charakter erhalten blieb. So ist Brüssel, das früher eine flämische Stadt war, innerhalb einiger Jahrzehnte französisiert worden. Auch im „Vlaamse Rand” um Brüssel gewinnen andere Sprachen als das Niederländische immer größeren Einfluss. Aus diesem Grund wollen die flämischen Behörden dass die Sprachgesetzgebung richtig und strikt angewandt wird. Nach Ansicht flämischer Politiker wurden diese in der Vergangenheit ja schon zu oft missbraucht von denjenigen, die kein Niederländisch konnten und keine Lust hatten, es zu lernen.

Die flämischen Behörden investieren in kostenlose Niederländischkurse für Anderssprachige, damit deren Chancen, zur Integration und mit Blick auf den Arbeitsmarkt so groß wie möglich sind.

Viele Flamen ärgern sich über die Einseitigkeit dieser Debatte.
Niederländischsprachige, die in das französische Sprachgebiet Belgiens umsiedeln, haben oft kein Problem damit, Französisch zu lernen und mit den lokalen Behörden zu sprechen.

Die massenhafte Migration von Flamen ins reiche industrielle Wallonien des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hat nirgendwo zu „Verniederländisierung“ oder „Flämisierung“ geführt.

Quelle: "Living in Translation" von Michaël Van Droogenbroeck ist eine Initiative der Organisation "de Rand". Sie können die Broschüre auch im Internet lesen unter http://www.livingintranslation.be/.