Der Flämische Rand und BHV

Die so genannten Randgemeinden versuchen, diese soziologische Entwicklung einzuschränken, in dem sie die anders-sprachigen "Neubürger" dazu ermutigen, Niederländisch zu lernen und versuchen jungen Leuten aus dem Ort eine Chance auf bezahlbaren Wohnraum zu gewähren.

Der Vlaamse Rand (Der flämische Rand um Brüssel)

Neunzehn flämische Gemeinden, die um Brüssel liegen, gehören zum flämischen Rand. Es handelt sich um alle Gemeinden, die an die Region Brüssel-Hauptstadt oder an eine der so genannten Fazilitätengemeinden (Kommunen mit Spracherleichterungen für die jeweilige Minderheit) grenzen. Die sechs Fazilitätengemeinden gehören zu dieser Gruppe von 19 Gemeinden.

Wo liegt das Problem?

Immer mehr Französischsprachige und Anderssprachige haben sich in den letzten Jahrzehnten in Flandern angesiedelt, vor allem im grünen Rand um Brüssel. Wegen der wichtigen Rolle, die Brüssel in Europa und auf internationale Ebene spielt, siedeln sich auch immer mehr Anderssprachige, zum Beispiel europäische Expats, im Rand an.

Dadurch gibt es in den meisten Gemeinden um Brüssel eine große französischsprachige Minderheit, in einigen Gemeinden sind die anderssprachigen Einwohner sogar in der Mehrzahl.

Die Zahlen sprechen für sich: Schätzungsweise einer von fünf Einwohnern der 19 flämischen Gemeinden um Brüssel ist ausländischer Herkunft. In den sechs Fazilitätengemeinden sind das sogar 30 Prozent.

Und diese Tendenz setzt sich fort. Forscher der Freien Universität Brüssel (VUB) haben 2010 festgestellt, dass zurzeit nur noch 40 Prozent der Familien mit neugeborenen Kindern zu Hause Niederländisch als erste Sprache sprechen.

Die Gemeinden und die Flämischen Behörden möchten nicht tatenlos zusehen, wie sich diese Französisierung fortsetzt. Deshalb werden Maßnahmen getroffen, um den niederländischsprachigen Charakter der Region zu schützen. Eine ganze Menge lokaler Politiker im "Vlaamse Rand” versuchen den niederländischsprachigen Charakter ihrer Gemeinde zu verstärken, unter anderem indem sie den Gebrauch des Niederländischen ermutigen (und oft auch, indem sie den Gebrauch anderer Sprachen entmutigen).

Außer in den Fazilitätengemeinden ist die Gemeindeverwaltung sowieso verpflichtet, Niederländisch als Amtssprache anzuwenden. Auch Geschäftsleute werden oft ermutigt, die Sprache der Region zu verwenden und somit Anderssprachige anzuregen, sie zu lernen.

In manchen Randgemeinden versuchen lokale Politiker und Bürgerinitiativen der Niederländischen Sprache einen dominierenden Platz im Straßenbild zu erteilen, z.B. indem sie neue Händler dazu anregen, einen niederländischen Namen für ihr Geschäft zu wählen und auf Niederländisch zu werben. Dennoch gehen diese informellen Fragen an den Mittelstand nicht so weit, wie z. B. die Gesetzgebung im frankophonen kanadischen Landesteil Québec.

Es gibt auch einige Ausnahmen, wobei Gemeinden in Flandern andere Sprachen benutzen können. In touristischen Zentren z.B. dürfen die Informationen mindestens in den drei Nationalsprachen verfasst sein. Für den internationalen Flughafen Zaventem (eine flämische Gemeinde ohne Fazilitäten) gilt eine Sonderregelung. So dürfen Mitteilungen auf den Bildschirmen und Schildern in der Abflughalle auf Niederländisch, Französisch, Deutsch und Englisch erfolgen.

Politische Entwicklung

Die wachsende Anzahl von Anderssprachigen in den Randgemeinden wirkt sich selbstverständlich auch auf die soziologische Zusammensetzung dieser Gemeinden aus. Die zahlreichen internationalen Neubürger sind oft auch finanzkräftig, wodurch die Preise von Bauland und Häusern im Rand um Brüssel stark steigen.

Die finanziellen Mittel von Jugendlichen, die dort aufgewachsen sind, sind oft unzureichend, sodass sie nicht in ihrer Gemeinde wohnen bleiben können und umziehen müssen. Deshalb treffen viele Gemeindeverwaltungen und die Flämischen Behörden Maßnahmen, damit diese jungen Leute in der Gemeinde, in der sie aufgewachsen sind, auch wohnen bleiben können.

Wegen der wachsenden Anzahl von Anderssprachigen in den Gemeinden um Brüssel hat sich nicht nur der soziologische Charakter der Gemeinde geändert, sondern auch der politische. Immer mehr Französischsprachige werden zum Mitglied des Gemeinderates gewählt.

Und dann gibt es auch noch den berüchtigten Wahlkreis Brüssel-Halle-Vilvoorde (BHV).
Indem man Brüssel und die 35 flämischen Gemeinden des Wahlbezirks Halle-Vilvoorde (worunter die sechs Fazilitätengemeinden) dem Wahlkreis Brüssel-Halle-Vilvoorde zugeteilt hat, können französischsprachige Einwohner bei den Wahlen für die Abgeordnetenkammer, den Senat und das Europaparlament auch französischsprachige Kandidaten aus Brüssel wählen. BHV ist damit ein Außenseiter.

Der Wahlkreis erstreckt sich über zwei verschiedene Sprachgebiete: sowohl das zweisprachige Gebiet Brüssel, als auch das einsprachige niederländische Sprachgebiet. Dadurch können Französischsprachige, die z.B. in Gooik oder Zemst wohnen, ihre Stimme allen französischsprachigen Listen und Kandidaten in Brüssel geben. Umgekehrt, können Niederländischsprachige, z.B. in Waterloo, keine flämischen Kandidaten in Brüssel wählen.
 

Falscher Eindruck erweckt?

Aus flämischer Perspektive erweckt das irrtümlich den Eindruck, dass diese flämischen Gemeinden zur Region Brüssel-Hauptstadt gehören, und dass sie zweisprachig werden. Für viele flämische Politiker ist das ein Problem, weil die Integration von Anderssprachigen in ihrer Region entmutigt wird und die Französisierung gefördert wird.

Eine Spaltung des Wahlkreises Brüssel-Halle-Vilvoorde ist deshalb ein bereits langjähriger Streitpunkt in den politischen Diskussionen zwischen Flamen und Französischsprachigen, zumal der Verfassungsgerichthof die Situation für verfassungswidrig erklärt hat.

Quelle: "Living in Translation" von Michaël Van Droogenbroeck ist eine Initiative der Organisation "de Rand". Sie können die Broschüre auch im Internet lesen unter www.livingintranslation.be.