Plagiat: Eine Frage der Mentalität?

In Deutschland ist das Wort Plagiat schon lange kein Fremdwort mehr. Spätestens nach den beiden Plagiatsfällen zweier bekannter Politiker, die ihren Doktortitel wieder abgeben mussten, wissen mittlerweile auch Schüler, was ein Plagiat ist und immer mehr Plagiatsjäger suchen im Internet nach unechten Doktorarbeiten. In Belgien ist die Situation etwas anders. Das hat die Vizerektorin für Studentenangelegenheiten von der Katholischen Universität Löwen, Prof. dr. ir. Martine Baelmans, unserer Redaktion flanderninfo.be verraten.

In Belgien herrscht offenbar noch keine Jagd auf Plagiate.

Als flanderninfo.be danach fragt, lautet die Antwort der Vizerektorin für Studentenangelegenheiten von der Katholischen Universität Löwen, Prof. dr. ir. Baelmans (kleines Foto): „Das ist hier zum Glück noch nicht so, denn man soll Plagiaten ja eher zuvorkommen als hinterher durchgreifen zu müssen.“

„Wir hatten angelsächsische Universitäten eingeladen, um eine Strategie gegen Plagiate zu entwickeln. Das wichtigste ist jedoch, mit den Studenten bereits während des Studiums zu üben und die Studenten darüber zu informieren, damit sie erst gar nicht betrügen.“

Plagiat: Eine Form des Betrugs

Professorin Baelmans nennt Plagiat eine Form des Betrugs. Hier in Belgien, sagt sie, gebe es keine Allgemeindefinition für Plagiat. Man könne aber sagen, dass eine Arbeit als Plagiat zu werten sei, wenn Stücke vom Text, von Bildern oder von Paraphrasierungen gleich oder ähnlich seien, also nur einige Wörter verändert wurden und die Quelle nicht genannt worden sei. Auch wenn die Texte in eine andere Sprache übersetzt worden seien und keine Quellenangabe vorliege, müsse man von einem Plagiat ausgehen. Professorin Baelmans betont: „Man darf das natürlich alles, wenn man eine Quellenangabe macht.“

Unter Betrug sei übrigens auch noch zu verstehen, wenn man die Ideen von anderen benutzt und so tut als seien sie neu und von einem selbst. Auch eine andere Person etwas schreiben lassen und es dann als den eigenen Text auszugeben, gelte als Betrug.

„Man schaut dann, ob die Textpassage mit Absicht kopiert wurde und in welchem Ausmaß der Betrug erfolgt ist, ob es das erste Mal war und wie weit der Student in seinem Studium ist. Im ersten Jahr ist man toleranter als im letzten Jahr oder bei Doktoranden“, so die Vizerektorin.

Prüfung vor allem von Master-, Bachelor- und Seminararbeiten

In Belgien würden vor allem Master-, Bachelor- und Seminararbeiten geprüft. Die Texte werden während des Studiums in das so genannte Turnitin-Programm (von englisch „turn it in“), also eine Plagiatserkennungssoftware, eingegeben. Mit Hilfe einer großen Datenbank werden gleichlautende Formulierungen gesucht und abgeglichen.

Man erhält einen Bericht zurück, der angibt, wo diese gleichlautenden Passagen zu finden sind. „Was das Programm nicht kontrolliert ist, ob dazu eine Quellenangabe gemacht wurde. Es ist dann die Aufgabe des Professors dies zu überprüfen, was wiederum viel Arbeit ist.“

In Belgien sei die Prüfung auf Plagiat freiwillig, es gebe aber Fächer, bei denen man das grundsätzlich mache. So würden Arbeiten im Rahmen internationaler Studiengänge an der Katholischen Universität Löwen (KUL) schon seit mehr als zwei Jahren stets auf Plagiat geprüft. Prof. Baelmans erklärt anhand eines Beispiels warum.

„Man möchte den Studenten zeigen, wie man eine Arbeit richtig schreibt. So haben Asiaten eine andere, laxere Auffassung von Plagiat als Europäer. Wir hatten einmal einen Fall, bei dem ein belgischer Student für ein Semester nach Japan ging. Der Professor dort verlangte von dem Studenten, dass er die Argumentation der Dissertation des Professors wörtlich übernehmen und auf sein Thema, das ein anderes war, anwenden solle. Der belgische Student hat also die gleiche Veröffentlichung genommen, bei der nur der Inhalt anders war. Die Argumentation und die Sätze waren genau die gleichen. Bei uns ist das als Plagiat gewertet worden. Das zeigt den Unterschied in den Kulturen.“

Anstieg der Kontrollen auf Plagiat

Nachdem die KUL (Foto) die Plagiatssoftware angeboten habe, hätten die Plagiatskontrollen stets zugenommen. Während 2010 ca. 13.500 Seminararbeiten auf Plagiat untersucht wurden, waren das in diesem Jahr bislang schon rund 24.000 Texte, wobei hierin noch nicht die Diplomarbeiten mitgezählt worden sind. Zu Anfang, im Jahr 2008, sind nur ein paar tausend Arbeiten untersucht worden.

Sehr wichtige Fälle von Plagiat kämen vor den Ausschuss. Die schlimmste Strafe sei eine schlechte Prüfungsnote oder keine Note für das ganze Jahr. Man könne auch zwei Jahre für diese Universität gesperrt werden. Richtig schwere Strafen sind das also nicht.

Ein Plagiat oder Betrug läge bei weniger als 10 Arbeiten auf 36.000 Studenten vor, mehr kann die Professorin hierzu nicht sagen. „Dann sind Ihre Studenten also besonders ehrlich?“, lautet die Frage von flanderninfo.be. „Entweder das oder man prüft eben noch nicht so genau.“ Es gebe auch sehr viele andere Möglichkeiten, zum Beispiel einer Arbeit einen Punkt weniger zu geben und diese Fälle seien nicht in dieser Zahl enthalten.

Und dann doch noch so viel: Weniger als 5 Seminararbeiten pro Jahr, etwa 1 bis 2 Arbeiten im Jahr, bekämen an der KUL keine Note für das ganze Jahr, seien also wichtige Plagiatsfälle.

Erhöhte Aufmerksamkeit wegen bekannter Plagiatsfälle im Ausland

Bei Doktorarbeiten habe man in Belgien übrigens weniger den Reflex, um zu prüfen, ob Plagiat vorliege, denn bei einer Dissertation sitze der Doktorvater so zusagen die ganze Zeit hinter dem Verfasser und begleite das Promotionsvorhaben. „Man weiß doch, was die Person macht, kennt sein Kernkonzept.“ Die Aberkennung im Nachhinein eines Doktortitels wegen Plagiats sei an der KUL noch nicht vorgekommen.

Einen Fall einer bekannten belgischen Persönlichkeit, die ihren Doktortitel wegen Plagiats wieder abgeben musste, kennt sie auch nicht. „Es kann natürlich sein, dass die Doktorväter die Arbeiten jetzt auch durch die Simulatoren jagen. Das ist aber keine Auflage und derzeit haben sich viele Professoren noch nicht hierfür engagiert, denn es bedeutet eine enorme Mehrarbeit.“

Die Vorfälle in Deutschland würden jedoch helfen, in dieser Richtung weiterzumachen. Die Dozenten seien empfindlicher geworden. Wenn man einen Stilbruch erkennt, ist man aufmerksamer. Die Aufmerksamkeit sei wegen der bekannten Fälle im Ausland gestiegen. Und wenn Plagiat vorliege, dann müsse man auch konsequent sein, so Prof. Baelmans noch.