Was ist aus den Eurokids geworden?

Sie heißen Lioba, Estelle oder Mai. Ihre Eltern kommen aus aller Herren Länder. Viele sind hier geboren, einige haben einen belgischen Pass, aber wenn man sie nach ihrer gefühlten Nationalität fragt, antworten die meisten, sie seien einfach "Europäer". Es sind die Eurokids, deren Eltern aus Ländern der Europäischen Union kommen und sich vor Jahrzehnten in Belgien niedergelassen haben, um in den EU-Institutionen, bei der Nato oder anderen internationalen Organisationen und Firmen zu arbeiten.

Wir stellen alle 2 Wochen ein anderes ehemaliges Eurokid vor und beginnen mit der inzwischen erwachsenen Lioba Wachter, die noch im Sommer ein Praktikum bei unserer Website www.flanderninfo.be, dem deutschen Nachrichtenangebot der VRT, machte.

"Irgendwann in Deutschland leben und das Land kennenlernen"

„Dass ich mir das Fach Geschichte im Studium ausgesucht habe, liegt wohl auch daran, dass es mir hilft, meine Identität besser zu verstehen. Die Geschichte des Mittelalters zeigt, dass wir Europäer mehr zusammen hängen, als wir glauben. Die Neuzeit erklärt die kleinen und größeren Unterschiede zwischen den verschiedenen Europäern und warum die europäische Idee wichtig ist, nämlich damit wir uns nie wieder so bekriegen wie im ersten und zweiten Weltkrieg“, betont die 20-jährige Lioba. Sie hat deutsche Eltern und einen deutschen Pass, ist aber in der belgischen Hauptstadt Brüssel geboren und aufgewachsen.

Lioba liest am liebsten deutsche Zeitungen und wählt auch in Deutschland, aber dort ein Studium zu beginnen, konnte sie sich nicht vorstellen. „Nicht, weil ich Deutschland nicht mag, sondern weil es mir komisch vorkam, in einem Land zu leben, in dem alle um mich herum hauptsächlich Deutsch sprechen. Mir würden dort meine anderen Sprachen fehlen.“

Lioba spricht außer Deutsch fließend Englisch und Französisch sowie Italienisch und ein gebrochenes Niederländisch. Sie studiert seit fast drei Jahren im schottischen Edinburgh (kleines Foto). Dort fehle ihr nur das Französische, die anderen Sprachen höre sie jeden Tag. Sie hat hauptsächlich Freundinnen, die wie sie eine „komplexe Identität“ haben wie ihre Freundin Mai, die Japanerin ist, aber in Japan, Kalifornien und Deutschland aufwuchs.Es sei einfach schön, wenn jemand verstehe, was es bedeutet, „an vielen Orten, aber an keinem richtig zu Hause zu sein“.

Irgendwann will Lioba allerdings schon eine Zeitlang in Deutschland leben, denn es „wäre komisch, das Land nie richtig von innen kennenzulernen“, findet sie.

"Ich liebe Belgien"

Wie viele Eurokids, deren Eltern für die EU-Institutionen arbeiten, war auch Lioba in der Europaschule. Zuvor ging sie allerdings in einen belgischen Kindergarten. „Meine erste richtige Freundin war deshalb eine Belgierin, Laura. Unsere ehemalige Nachbarin, Liliane Baudour, die auf mich und meine Schwester aufpasste als wir klein waren, ist auch Belgierin und für mich so etwas wie meine Patentante geworden“, erzählt Lioba und strahlt dabei.

„Ich liebe Belgien. Brüssel ist meine Stadt! Es ist die Stadt, in der ich mich am besten auskenne und das nicht nur in der 'Europäischen Blase'.“ Sie fühlt sich absolut integriert, denn selbst als sie auf die Europaschule (kleines Foto) kam, hatte sie weiterhin stets belgische Freunde: Die Nachbarskinder, die Freunde vom Kletterkurs, die Leute, die sie traf, wenn sie abends mit ihren Europaschulfreunden ausging. Allerdings, betont sie, sei es durchaus möglich, nach Brüssel zu kommen, weder Niederländisch noch Französisch zu sprechen und sich nur in der ‘Europäischen Blase‘ zu bewegen.

„Ich kenne einige wenige Leute, die das machen, finde das aber sehr schade. Wenn ich in einem Land bin, will ich das doch kennenlernen. Allerdings verstehe ich, dass es ganz schön kompliziert sein kann, Belgien zu verstehen, wenn man neu hierher kommt.“

"Schade, nirgendwo dazu zu gehören"

Auf die Frage, ob sie als Eurokid irgendetwas vermisst habe, antwortet Lioba ohne zu zögern: „Nichts. Ich finde es nur manchmal schade, nirgendwo fest dazuzugehören.“ Andererseits hat Lioba einen breiten kulturellen Hintergrund. Sie kommt, wie sie selbst sagt, aus „vielen Orten“. Sie kann sich aufgrund ihrer Offenheit anderer Kulturen gegenüber an fremden Orten schnell zurecht finden und ihre vielen Sprachen öffnen ihr ebenfalls so manche Tür.

Und noch ein Vorteil hat das Leben eines ehemaligen Eurokids beziehungsweise einer heute "Eurofrau": Sie hat oft in vielen Ländern, Freunde, die sie besuchen kann.

"Müsste ich zw. 2 Staatsangehörigkeiten wählen, würde ich die Deutsche nehmen"

„Es ist nicht leicht, das Niveau in drei Sprachen konstant zu halten. Es wechselt, je nachdem, wo man ist. Ich würde sagen, dass ich wie eine Triathletin bin. Ich kann keine Sprache so perfekt, wie jemand, der nur diese eine spricht, dafür alle drei fast perfekt.“

Wenn Lioba mit Freunden unterwegs ist, reden sie meistens mindestens drei Sprachen, auch Deutsch. Und sie vermischen sie so, wie sie es brauchen, um sich zu verstehen, je nach Zusammensetzung der Gruppe. „Selbst wenn ich nur mit meinen deutschen Europaschulfreunden (kleines Foto) unterwegs bin, ist zwischendurch ein niederländisches, französisches, englisches oder erfundenes Wort dabei. Nicht um anzugeben, sondern weil es uns zuerst in der anderen Sprache einfällt oder weil die andere Sprache die Situation besser beschreibt oder das Wort in der anderen Sprache besser klingt!“

„Meine Muttersprache ist jedoch eindeutig Deutsch“, erklärt Lioba noch. Diese spreche sie, wenn man sie aus ihrem Tiefschlaf aufwecke. „Ein Großteil der Kultur, in der ich aufgewachsen bin, ist Deutsch: Bücher, Filme, ich verfolge vor allem die deutsche Politik. Es gibt aber auch einen belgischen Teil in mir: So kenne ich von früher das belgische Kinderfernsehen genauso gut wie das deutsche. Oder das Essen: Es fehlt mir, wenn ich kein gutes Croissant bekomme oder Baguette, oder Schokolade!“

Heimatgefühle habe sie eindeutig für Brüssel, diese Stadt mit ihrer eigenen belgisch-europäischen Mischung und sie fügt hinzu: „Am liebsten hätte ich zwei Staatsangehörigkeiten, ich möchte demnächst auch die belgische beantragen. „Wenn ich mich jedoch zwischen den beiden Staatsangehörigkeiten entscheiden müsste, würde ich dann doch lieber die deutsche nehmen.“