Seit langem Schatten über Lütticher Stahl

Der Abbau der Stahlproduktion in Lüttich kommt nicht überraschend. In den vergangenen Jahrzehnten hing die Lütticher Stahlindustrie an einem seidenen Faden.

Wallonien-Fachmann Guido Fonteyn ist nicht erstaunt über die Schließung der Warmstahlproduktion in Lüttich. Das ist das Ende einer Entwicklung, die bereits in den 60er Jahren einsetzte, sagte er in der Frühsendung des VRT-Radios.

Ihm zufolge sei ein Großteil der wallonischen Stahlindustrie nach Flandern abgewandert. Das liege daran, dass weltweit aktive Stahlunternehmen lieber in Gebiete investieren, die in der Nähe von Häfen liegen, so dass die Rohstoffe importiert und exportiert werden können.

Die wallonische Stahlindustrie beruhte auf der Anwesenheit von Steinkohle und Eisenerz, aber diese beiden Brunnen sind schon lange geschlossen oder erschöpft und deshalb ist die Nähe der Häfen nun wichtiger. Außer ArcelorMittal in Lüttich und Gent gibt es in Belgien noch ein großes Stahlunternehmen: Das schweizerisch-italienische Unternehmen Duferco in La Louvière, Clabecq und Tildonk. Überdies ist auch noch der Inoxproduzent Aperam (ehemaliges Unternehmen ALZ in Genk und Chatelineau) in Belgien tätig.

Fonteyn warnt davor, dass auch Flandern, was die Industrie betrifft, keine rosige Zukunft habe. So herrsche weltweit eine Konzentration in der Stahlindustrie. Die Schließung der Hochöfen von Lüttich reihe sich in eine Auslagerung der Schwerindustrie vom Westen nach Asien. Das erfolge nicht nur wegen der billigen lonen, sondern auch, weil dort häufig die Großabnehmer säßen.

Aus eben diesen Gründen seien auch die traditionelle Textilindustrie und Automontage in Flandern jüngst Opfer dieser Tendenz geworden. Am Mittwoch ließ übrigens der sehr stark verankerte Bushersteller Van Hool in Koningshooikt wissen, dass die Auslagerung von billigeren Modellen nicht länger ein Tabu sei.

Jahrhundertealte Metalltradition in Lüttich

Die Metallindustrie in Lüttich geht Dank der Anwesenheit von Steinkohle und Eisen bis in das Spätmittelalter zurück. Lüttich war damals berühmt für das Schmieden von Schwertern,  Harnischen und anderen Waffen. Ein Beispiel ist die Waffenfabrik FN in Herstal, die auch heute noch aktiv ist. 

Die moderne Stahlindustrie in Lüttich geht auf 1817 zurück. Der englische Geschäftsmann John Cockerill produzierte erst Maschinen, fing dann damals aber selbst mit der Stahlproduktion in Seraing an. Mitte des 19. Jahrhunderts war das Lütticher Metallbecken sogar vorübergehend das größte und modernste weltweit und lockte auch viele flämische Arbeiter in die Gegend.

In den 70er und 80er Jahren begann der Niedergang aufgrund der zunehmenden Konkurrenz aus Niedriglohnländern und ein Überangebot auf dem Markt. Unternehmen in Lüttich und Charleroi fusionierten zu Cockerill-Sambre, das mit staatlichen Geldern am Leben erhalten werden musste und zum Großteil der wallonischen Region gehörte.

1998 verkaufte die Region dann das Stahlunternehmen an die französische Stahlgruppe Usinor, die 2002 mit Arbed aus Luxemburg und Aceralia aus Spanien zu Arcelor fusionierte. 2006 wurde Arcelor dann vom britisch-indischen Geschäftsmann Lakshmi Mittal übernommen, heute die absolute Nummer 1 der Stahlindustrie. Mittal (Foto) handelt und denkt noch mehr als Arcelor auf weltweitem Niveau.