Perfekte deutsch-französisch-belgische Mischung

Wir stellen regelmäßig ein anderes ehemaliges Eurokid vor. Was ist aus den Kindern geworden, deren Eltern einst aus Deutschland oder einem anderen Land wegen eines Jobs bei den EU-Institutionen oder anderen internationalen Einrichtungen nach Belgien gekommen und hier geblieben sind? In diesem Bericht stellen wir die Französin Estelle Collonnier vor, die von sich sagt, dass sie sich fühle wie eine perfekte deutsch-französisch-belgische Mischung.

Auf die Frage, welches ihre Heimat sei, muss die 20-jährige Estelle lange überlegen.

„Im Grunde fühle ich mich sehr deutsch, sehr französisch und mittlerweile auch belgisch. Je nach Ort, an dem ich mich gerade aufhalte, werde ich anders wahrgenommen. Während meiner Zeit in Frankreich war ich ‘die Belgierin‘, hier in Belgien gelte ich oft als ‘die Deutsche‘ und in Deutschland bin ich ‘die Französin‘. Und ungefähr so fühle ich mich auch. Ich habe die Kulturen der drei Länder völlig angenommen, kenne mich in deren Essenspezialitäten, Literatur, Geschichte, Politik, Gesellschaften sowie Traditionen gut genug aus, um jedes der drei Länder als mein Land zu bezeichnen. Heimat ist ein schönes Konzept, aber so einschränkend.“

„Es ist nicht so, dass sich meine Heimat durch 3 teilt, sondern ich habe 3 Heimaten. Eine davon ist Frankreich. Dort bin ich die ersten Jahre aufgewachsen. Die andere ist in Deutschland, in einer kleinen Stadt, in der ich zur Schule gegangen bin und zuletzt die Stadt Brüssel, in der ich meine Jugend verbracht habe. Alle sind gleichwertig und haben mich stark geprägt. Jede hat auf eine andere Lebensphase Einfluss gehabt.“

Ein Heimatgefühl bekommt Estelle immer dann, wenn sie dorthin zurückkehrt. In Brüssel sei dieses Gefühl am stärksten, weil hier ihre Eltern wohnten, sie hier am längsten gewesen sei und die für sie wichtigsten Jahre verbracht habe. „Aber im Grunde ist meine wahre Herkunft und Heimat Europa“, betont Estelle.

Auch Estelle war wie Katharina, die wir beim letzten Mal vorstellten, in der Europäischen Schule im Brüsseler Stadtteil Elsene (kleines Foto). Heute macht sie ein bilinguales Studium Französisch/Deutsch für Geographie und Geschichte. Ihr schwebt ein Job bei den Europäischen Institutionen vor, „weil man dort in einer großen Kultur- und Sprachenvielfalt arbeiten kann.“

"Ich blieb meistens in dieser Ausländerwelt"

„Ich habe das Leben hier sehr genossen. In Brüssel herrscht auf Grund dieses Multikultis eine großartige Stimmung.“

„Allerdings hatte ich eher wenig Kontakte zu Belgiern“, bedauert Estelle. „In meinem Tennisclub hatte ich wohl belgische Freunde. Da ich französisch spreche, wurde ich integriert und man nahm mich nicht als Ausländerin wahr. Im Allgemeinen hielt ich mich aber eher in dieser ‘Ausländerwelt‘ auf.“

Ihre Freunde sind fast ausschließlich aus den Europaschulen (kleines Foto, Europaschule Elsene) oder aus internationalen Schulen. Von einem Ghetto will sie jedoch keinesfalls sprechen. „Immerhin hat man es ständig mit so vielen verschiedenen Nationalitäten zu tun, dass man kaum sagen kann, man bleibt unter gleichen Menschen. Im Gegenteil, wenn man dann mit einem Belgier in Kontakt kam, wurde dieser gleich mit in den Kreis aufgenommen.“

"Mehr gewonnen als verloren"

Bei der Frage, was ihr diese Internationalität und die vielen Sprachen im Leben bislang gebracht hätten, hält Estelle inne. Auch diese Frage sei schwer zu beantworten. „Zunächst wahrscheinlich ein offeneres Weltbild. Wenn man ständig mit anderen Nationalitäten zu tun hat, öffnet man sich sehr leicht für andere Kulturen, Lebensweisen und Sprachen. Gleichzeitig bemerkt man, dass man sich doch sehr ähnlich ist. Ich glaube, dass mir diese Internationalität hilft, leichter auf andere Nationalitäten zu zugehen, da ich die Unterschiede nicht fürchte. Für mich ist die Welt dadurch, glaube ich, kleiner geworden.“

„In der Stadt, in der ich in Deutschland studiere, werden oft schon andere Bundesländer als fremde Länder bezeichnet. Ich setze einen ganz anderen Maßstab an. Das hilft mir, mich sehr schnell zu integrieren und mich überall in Europa recht wohl zu fühlen.“

Daneben, fährt Estelle fort, habe ihr diese Internationalität eine Vereinigung verschiedener Kulturen in einer Person gebracht. In ihrem Fall sei das vor allem die französische und deutsche. „Jede Nationalität hat ihre Mentalität und Denkart und diese aus verschiedenen Kulturen zusammenzuführen ist ein großer Reichtum.“ Dadurch betreibe man viel weniger Nabelschau. Man bekomme die Möglichkeit, den Blickwinkel zu ändern, einmal anders zu urteilen und zu argumentieren und das helfe dabei, vieles zu verstehen und zu relativieren.

Allein sprachlich habe das natürlich auch schon Vorteile. „Mit der Bilingualität kann man sich zielgerichteter ausdrücken und bemerkt eher feinfühlige Unterschiede. Manche Wörter sind im Französischen viel genauer als im Deutschen und umgekehrt.“ Eine Sprache allein sei ja irgendwie schon limitiert.

"Eine eindeutige Herkunft vermisst"

Vermisst habe sie allerdings zeitweise „eine klare Herkunft“ wie sie ihre Freunde in Deutschland hätten.

Ein kleiner Trost: „Man bekommt als Eurokid eine eigene, neue Herkunft, nämlich die europäische und das macht alles wieder wett.“ Vor diesem Hintergrund habe sie aber auch teilweise so etwas wie die Familie vermisst, „denn meine Familie ist aufgesplittert in Frankreich und Deutschland. Andere wohnen im selben Ort wie die Verwandtschaft. Sie haben deshalb ein tiefes Band zu ihr. Das ist bei mir nicht der Fall.“

„Richtig vermisst habe ich sie trotzdem nicht, denn ich habe eine Familie im Europakreis gefunden.“ Überhaupt habe sie eher das Gefühl „viel mehr gewonnen als verloren“ zu haben. Ihr Rat an alle Eurokids: „Die Eurokids sollten sich sehr glücklich schätzen, diesen unglaublichen Vorteil zu haben, der sich in allen Bereichen bis ins Berufsleben zieht. Sie sollten also von der Europaschule und dieser europäischen Welt so viel wie möglich mitnehmen!“