Belgiens Rennlegenden und ihre Wagen

Das Brüsseler Automobilmuseum "Autoworld" zeigt noch bis Mitte Januar eine spektakuläre Ausstellung zu den so genannten "Belgian Gentlemen Drivers", Rennfahrer, die seit dem Kriegsende bis in die 1990er Jahre hinein Rennen oder Rallys fuhren. Viele von ihnen wurden zu Legenden. Ihnen, ihrer Geschichte und ihren Autos zollt die Ausstellung Anerkennung und Respekt.

Vor mehr als 50 Jahren taten sich einige junge Männer aus reichen belgischen Familien zusammen, um Rennen zu fahren. Sie suchten nach der Teilnahme am Zweiten Weltkrieg in den Reihen der belgischen Armee nach neuen Herausforderungen, oder nach "Kicks", wie man heute sagen würde.

Einer von ihnen, Jacques Swaters, starb vor einem Jahr, am 10. Dezember 2010. Ihm zum Gedenken kam den Machern von "Autoworld" die Idee, eine Ausstellung zu organisieren, die an die berühmten belgischen Rennfahrer der vergangenen Jahrzehnte und an deren legendäre Rennwagen erinnert. Herausgekommen ist dabei eine Ausstellung, die hierzulande ihresgleichen sucht. Kuratorin dieser Ausstellung ist übrigens Florence Swaters, die Tochter von Jacques.

Die Ausstellung „Belgian Racing Legends - Gentlemen Drivers and Cars" zeigt rund 40 Renn- und Rallywagen, mit denen sich ihre Fahrer in die Geschichte hineinfuhren. Die meisten der ausgestellten Autos kommen aus Privatsammlungen oder von Automobilmuseen, wie zum Beispiel aus dem Porsche- und dem Mercedes-Museum in Stuttgart. Der dort gezeigte Porsche 550 Spyder und ein schwarzer Mercedes 300 SL Flügeltürer haben zu ihrer Zeit belgischen Rennfahrern gute Dienste getan.

John Claes, Jacques Swaters und die "gelben Autos"

Noch in den 1940er Jahren machten die jungen Männer John Claes und Jacques Swaters ihren Traum wahr und begannen nach dem Vorbild britischer Freunde, den so genannten "Gentlemen Drivers", Rennen zu fahren. Claes gründete 1947 den Rennstall „Ecurie Belge" und Swaters einige Jahre später die "Ecurie de Belgique".

Von nun an fuhren wieder "gelbe Autos" Rennen, denn dreißig Jahre zuvor machten belgische Rennwagen in dieser Farbe auf sich aufmerksam.

Claes fuhr seine ersten Erfolge mit einem Talbot Lago ein während Swaters einen auf Basis des Vorkriegs-BMW 328 aufgebauten Veritas steuerte - beide Wagen sind in der Ausstellung zu entdecken. Doch bei den belgischen Rennsportfans sorgten zwei "gelbe" Rennställe für Verwirrung.

Da man sich kannte und mochte, gründete man 1952 die später legendäre "Ecurie Francorchamps", die den Namen des Ardennenkurses trug, der schon damals das ganze Land anzog, wenn es hieß, benzinhaltige Luft zu schnuppern. Dieser Rennstall war der Grundstein für die "Belgian Gentlemen Drivers".

Diese rennverrückten jungen Männer kamen zwar aus wohlhabenden Familien, doch reich geworden ist damals keiner von ihnen im Automobilsport. Sponsoren gab es nicht und alles musste selbst finanziert werden: die Autos, das Benzin, die Ersatzteile, die Reisen zu Rennstrecken im Ausland… Da kam es gut, dass man sich mit dem italienischen Autokonstrukteur Enzo Ferrari anfreunden konnte.

Viele Wagen der "Ecurie Francorchamps" waren denn auch gelbe Ferraris, z.B. vom Typ 250 LM und verschiedene Modelle vom 250 GT. In den 1970er Jahren kamen 365 GTB4 dazu, die auch unter dem Namen "Daytona" berühmt und berüchtigt waren. Die hier genannten Wagen sind in der Ausstellung zu besichtigen und haben Versicherungswerte in Millionenhöhe.

Le Mans, Formel 1, Monoposti und Tourenwagen

Die Geschichte des belgischen Rennsports beschränkt sich bei weitem nicht nur auf den Ardennenkurs in Francorchamps und auf andere Rennstrecken in Belgien (z.B. Nivelles, Zolder oder die Rallys "Boucles de Spa" und "Ypern Rally"), sondern belgische Gentlemen-Piloten machten auch den Nürburgring, Le Mans und andere Strecken unsicher.

Unvergessen sind die 24 Stunden-Rennen in Le Mans, bei denen eine weitere belgische Rennsportikone Furore machte, der bis in die 90er Jahre hinein aktive Jacky Ickx. Sein berühmter Ford GT 40, mit dem er 1969 in der letzten Runde den Gesamtsieg einfuhr, ist ebenfalls in der "Autoworld" zu entdecken, genau, wie sein letzter Formel 1-Wagen, ein Ligier, und einige Porsche-Wagen (u.a. der von Rothmans gesponserte Le Mans-956). Ickx gilt bis heute als der erfolgreichste Sportwagenpilot.

Die Ausstellung zeigt viele Sportwagen und so genannte einsitzige "Monoposti": die bereits oben erwähnten Ferraris, einige weitere Porsche (u.a. ein 904 GTS), ein Jaguar D-Type, ein Aston Martin DB3S aus der der Sammlung des Pink Floyd-Schlagzeugers Nick Mason und viele weiter seltene und erlesene Fahrzeuge bis hin zu moderneren Langstreckenrennwagen von Audi, Mazda, BMW, Toyota und Bentley oder ein Gulf Mirage von 1972.

Auch der Benetton T188-Formel 1-Wagen ist mit dabei, den Thierry Boutsen und sein italienischer Fahrerkollege Allessandro Nannini Ende der 1980er Jahre fuhr, gehört zu den ausgestellten Rennwagen.

Das Kapitel Rally-Sport

Auch der Rallysport kommt bei der Ausstellung "Belgian Race Legends" nicht zu kurz. So sind Fahrzeuge der unvermeidlichen Ford-Modelle "Escort" und "Cortina" zu sehen, wie auch ein Audi Quattro oder ein Fiat 131 Abarth. Besonders erlesen ist ein Fiat 2300 S Coupé von Abarth von 1962, der nur in ganz wenigen Exemplaren gebaut wurde.

Natürlich fingiert der Name Porsche prominent in der Liste der in Belgien wichtigen Rallyautos: Unvergessen ist der 959 in der Paris-Dakar-Version von 1986, den Jacky Ickx damals gemeinsam mit dem französischen Schauspieler Claude Brasseur durch die Wüsten steuerte und ein Vertreter der 911 SC-Modelle des Belga-Gaban-Teams, in denen Patrick Snijers und Danny Colebunders oder auch Pascal Gaban die Rallymeisterschaften fuhren.

Alle Fahrzeuge und die vielen Dutzend belgischen Rennsportlegenden hier aufzuführen, würde den Rahmen dieses Beitrags wohl sprengen. Die Ausstellung und der dazu gehörende dreisprachige Katalog (F, NL, ENG) erzählen die ganze Geschichte und ein Besuch in der "Autoworld" in Brüssel ist absolut empfehlenswert.

Vorsicht bei den historischen Rennsport-Sponsoren

Die Ausstellungsmacher hatten übrigens keinen leichten Stand, denn große Teile der belgischen Rennsportgeschichte sind unmittelbar mit den Namen von Sponsoren aus dem Bereich Tabakwaren und Alkohol verbunden. Mit solchen Produkten darf heute in Belgien nicht mehr geworben werden.

Doch in den Augen von Sébastien de Baere, der Direktor von "Autoworld", gehören diese Rennwagen zur Geschichte und sind Kunstgegenstände und die entsprechenden Markenlogos können nicht einfach von den Autos verschwinden.

In der Werbung für die Ausstellung kommen sie nicht vor und auch nicht in den aufgebauten Szenerien (eine Startreihe, eine Boxengasse…).

Infos zur Ausstellung

"Belgian Racing Legends - Gentlemen Drivers and Cars"

AUTOWORLD
Jubelpark 11
1000 Brussel
Tel. : +32 2 736.41.65

Noch bis zum 15. Januar 2012

Geöffnet jeden Tag von 10 bis 17 Uhr, am Wochenende bis 18 Uhr

Weitere Infos: www.autoworld.be oder www.belgian-racing-legends.be

Ein Besuch in der "Autoworld" ist nicht nur wegen der aktuellen Ausstellung empfehlenswert. Die Sammlung des Museums umfasst rund 250 Autos aus der Pionierzeit des Autos bis hin zu den 170er Jahren und zeigt legendäre Sportwagen, unglaublich tolle Luxuskarossen, aber auch Nutzfahrzeuge (Feuerwehr, Polizei…), normale "Brot und Butter"-Autos, Motorräder und viele kleine toll aufgebaute Szenen. Ganz nebenbei gehört die weltweit größte Sammlung an Autos der berühmten belgischen Automarke Minerva zu der Kollektion.