Leben kaum vorstellbar ohne Internationalität

Wir stellen regelmäßig ein anderes ehemaliges Eurokid vor. Was ist aus den Kindern geworden, deren Eltern einst aus Deutschland oder einem anderen Land wegen eines Jobs bei den EU-Institutionen oder anderen internationalen Einrichtungen nach Belgien gekommen und hier geblieben sind? In diesem Bericht stellen wir Thomas vor. Er sagt, er sei Deutscher, aber nur auf dem Papier.

Als Belgier fühlt sich der 20-jährige Thomas jedoch genauso wenig. Er ist zwar in Brüssel aufgewachsen und dort 12 Jahre seines Lebens auf eine Europaschule gegangen, aber : „Dazu ist mir das Land und die Kultur auch nach vielen Jahren zu fremd.“

Bis vor zwei Jahren hat Thomas gar keine andere Stadt als die belgische Hauptstadt gekannt. Die Wurzeln seiner Familie stammen hingegen aus einem Städtchen in Süddeutschland, das er kaum kennt. Dort leben seine Verwandten schon seit Generationen und dort besuchte Thomas regelmäßig seine Großeltern. Er entschied sich deshalb, nicht wie viele seiner Freunde nach dem Abitur nach Großbritannien zu gehen, sondern für ein Maschinenbaustudium im deutschen Karlsruhe. Zum einen sei das eine für sein Fach anerkannte Uni, zum anderen sei er neugierig darauf gewesen, ob er sich mit diesem, für ihn damals fremden Land und seinen Leuten identifizieren könne und ob das Land halten würde, was es für ihn damals versprach.

„Ich lebe nun also zum ersten Mal in dem Land, zu dem ich mich auf Grund meiner elterlichen Herkunft und meiner Nationalität Zeit meines Lebens zugehörig gefühlt habe“, erklärt Thomas. Trotzdem hat Thomas nicht unbedingt vor, in Deutschland zu bleiben. Es zieht ihn wieder ins Ausland. „Nach meinem Bachelor habe ich vor, für ein Jahr nach England zu gehen, um einen Master in Management zu machen, bevor ich mein Maschinenbaustudium aller Voraussicht nach in Karlsruhe mit einem Master beenden werde. Auch an eine Promotion nach dem Studium denke ich, die ich dann wiederum im Ausland machen könnte, um meinem Wunsch, viel von der Welt zu sehen und kennenzulernen, nachzugehen. Das war mir in meinen bisherigen Semestern aufgrund des straffen Studienplans leider nicht vergönnt“, so Thomas noch, der inzwischen im 5. Semester studiert.

"Ich verkehrte in 2 unterschiedlichen Kreisen und damit in 2 unterschiedlichen Rollen"

Während seiner Kindheit, betont Thomas, habe er in zwei unterschiedlichen Kreisen und damit in zwei unterschiedlichen Rollen verkehrt. Kontakt zu „Einheimischen“ habe er zwar bereits im ersten Kindergartenjahr gehabt, aber dieser Kontakt sei schon bald wieder verloren gegangen, nachdem er in den deutschen Kindergarten der Europaschule gekommen sei. Mit 6 Jahren habe er in einem lokalen Fußballverein erneut Kontakt zu Belgiern aufgenommen. Er spielte sechs Jahre in dem Verein, stand in dieser Zeit aber, wie er selbst sagt, „stets mit einem Bein bei meinen deutschen Freunden in der deutschen Schulklasse“.

„Während ich in der Schulklasse vollkommen integriert war, verhinderte im Fußballclub ein Sprachproblem die großen Freundschaften.“

Er habe dort als Anderssprachiger gegolten und sei als solcher von seinen Mitspielern und deren Eltern auch akzeptiert und respektiert worden. Mit zunehmendem Alter sei jedoch die Zeit gekommen, in der die verbale Kommunikation immer wichtiger wurde. Er habe sich mit den Freunden vom Verein jedoch nur in gebrochenem Schulenglisch unterhalten können. „Der ‘soziale Abstand‘ zu den niederländischsprachigen Mitspielern wurde größer. Für mich stand dort nach wie vor allein der Fußball im Vordergrund, gleichsprachige Freunde hatte ich schließlich in der Schule.“

Mit 13 war Thomas dann in einem von zu Hause aus näher gelegenen Tennisverein und erneut, erzählt er, habe er sich als Anderssprachiger in einem unbekannten Umfeld zurechtfinden müssen. „Jedoch fiel es mir, Dank meines besseren Englischs, nun deutlich leichter, Freunde zu finden. Je mehr ich als Neuling einen Platz im Wettkampfteam beanspruchte, desto skeptischer betrachteten mich die Gleichaltrigen, auch weil es in diesem Kreis sehr wenig Ausländer gab. Ich durfte mir nicht viel erlauben und habe gelernt, mich im Umgang mit meinen Mitspielern stets vorsichtig und höflich zu geben.“

„Mit der Zeit und mit meinen besseren Sprachkenntnissen kam ich in näheren Kontakt mit vielen belgischen Mitspielern, aber das Image des „Nicht-Einheimischen“ blieb an mir haften, auch wenn es mich wenig störte.“

„Leider“, fährt Thomas fort, „ist der Kontakt zu diesen Freunden in den zwei Jahren, in denen ich nun in Deutschland wohne, sehr stark zurückgegangen.“ Das liege eben auch daran, so Thomas, dass er als einer ihrer wenigen Freunde inzwischen nur selten Zuhause sei. Es sei deshalb schwierig, diese Freundschaften zu pflegen.

Allerdings habe ihm seine Internationalität auch etwas gebracht, nämlich einen Sinn für das Zusammenleben von verschiedenen Menschen und er habe gut begriffen, dass Konflikte entstehen können, wenn man den verschiedenen Menschen nicht vorsichtig und einfühlsam begegnet, auch wenn man längst meint, sie zu kennen.

„Als wichtigstes Gut erscheint mir jedoch das Interesse, das ich, sensibilisiert für derartige Umstände und Situationen, mittlerweile den verschiedensten Leuten entgegenbringe. Außerdem habe ich jede Scheu abgelegt, mich an fremden Orten in nur gebrochener Sprache zurechtzufinden.“

„Hoffe, mir wird Stadt nicht fremd und mir bricht dieser Teil der Heimat nicht unter Füßen weg"

„Im Nachhinein betrachtet bin ich froh, in einer so vielfältigen Umgebung mit einem so breiten Horizont aufgewachsen zu sein. Heute kann ich mir ein Leben ohne diese Internationalität kaum vorstellen“, betont Thomas noch. Er habe eigentlich auch nichts vermisst. „Im Gegenteil hatte ich zu jeder Zeit meine Freunde, auf die ich mich verlassen konnte, meine Familie, die für mich da war und meine Hobbies, denen ich nachgehen konnte.“

„Dadurch, dass wir nur ein relativ kleiner Kreis Deutscher in Brüssel waren, war mein Freundeskreis relativ beständig. Manche Freunde begleiteten mich über 16 Jahre, die meisten wenigstens über einige Jahre hinweg. Ich genoss den Klassenzusammenhalt und bin froh, zu relativ vielen aus meiner Schule noch Kontakt zu haben. Zum Teil liegt das sicher daran, dass wir alle in der gleichen Situation stecken und uns selbst untereinander am besten verstehen und vielleicht liegt es auch daran, dass wir unser mangelndes an den Ort gebundenes Heimatgefühl auf die alten Schulfreunde beziehen.“

Was die Heimatgefühle betrifft, so unterscheidet Thomas übrigens ganz klar zwischen seiner Heimatstadt Brüssel, in der er aufgewachsen ist und dem Herkunftsort seiner Familie in Deutschland. „Mit beiden Orten verbinde ich Heimatgefühle, die jedoch sehr stark an Menschen geknüpft sind, die mir wichtig sind. Wenn diese Menschen dort einmal weg sind, werde ich mich mit dieser Frage aufs Neue auseinandersetzen müssen und das kann ich mir nur schwer vorstellen. Das ist auch der Grund, weshalb der Herkunftsort meiner Familie so wichtig für mich ist, obwohl ich ihn kaum kenne. Er wird Bestand haben, wenn nach meinen Eltern und Geschwistern auch die letzten meiner Freunde aus Brüssel weggezogen sind und ich in diese, mir dann vielleicht fremd gewordene Heimatstadt, zurückkehre.

Am Ende fügt Thomas noch hinzu: „In der Zukunft wird die Stadt meiner Kindheit ein Ort sein, an dem immer weniger mir vertraute Personen leben und ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll… Ich hoffe, mir wird diese Stadt nicht fremd und ich hoffe, mir bricht dieser Teil der Heimat nicht unter den Füßen weg.“