60% mehr Akten über Kindesmissbrauch

Bei der Stiftung für vermisste und sexuell ausgebeutete Kinder, Child Focus, sind im vergangenen Jahr fünf Mal mehr Meldungen über möglichen sexuellen Missbrauch von Kindern eingegangen. Unter den tatsächlichen Missbrauchsfällen zählten 2011 vor allem Mädchen zu den Opfern. Das geht aus dem Jahresbericht der Stiftung hervor.

Das Tabu in Zusammenhang mit sexuellem Kindesmissbrauch ist  viel kleiner geworden. Die Zahl der Akten bei der Stiftung für vermisste und sexuell ausgebeutete Kinder, Child Focus, nahm von 331 im Jahr 2010 auf 534 im letzten Jahr zu. Die Stiftung führt den Anstieg auf die Verfünffachung der Zahl präventiver Anrufe nach den Enthüllungen sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche zurück.

Das Bekanntwerden zahlreicher Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger in der katholischen Kirche führte zu einer größeren Aufmerksamkeit. 2011 gingen 203 präventive Meldungen über sexuellen Missbrauch von Kindern bei Child Focus ein. 2010 waren das 41.

"Die Offenkundigkeit, die sexuellem Missbrauch anhaftet, hatte einen positiven Einfluss. Das Tabu ist langsam durchbrochen", erklärt die Direktorin Heidi De Pauw am Montag auf der Präsentation des Jahresberichts der Stiftung.

Child Focus vermutet, dass die Aufmerksamkeit der Gesellschaft mehr Menschen dazu gebracht hat, ihre Vermutungen oder ihr Wissen über einen Fall von sexuellem Missbrauch zu melden.

Letztes Jahr erfolgte 37 Prozent der Meldungen durch die Mutter, 16 Prozent durch den Vater, 16 Prozent durch ein anderes Familienmitglied, 24 Prozent durch einen Dritten und 7 Prozent durch das Opfer selbst.

Auf Weglaufen folgt manchmal Selbstmord

Die Stiftung registrierte auch mehr Fälle von weggelaufenen jungen Erwachsenen (18 bis 24 Jahre). So zählte die Stiftung im Jahr 2009 10 solcher Fälle, 2010 waren es 45 Fälle und 2011 sogar 74 Fälle.

Das Verschwinden einer Person in dieser Altersgruppe ist häufig auch ein Hinweis auf eine Verzweiflungstat. Im letzten Jahr begingen 5 der 74 verschwundenen jungen Leute im Alter zwischen 18 und 24 Jahre Selbstmord.

"Das kombiniert mit dem Wissen, dass in unserem Land 50 Prozent mehr Selbstmorde begangen werden als in anderen europäischen Ländern, lässt uns darauf bestehen, dass wir alle zusammen in der Gesellschaft mehr in die Prävention investieren müssen", betont Dirk Depover von Child Focus.