Die Bahn ist langsamer als vor 20 Jahren

Auf einigen wichtigen belgischen Bahnstrecken ist die Reisezeit heute deutlich langsamer, als noch vor 20 Jahren. Nach einer Meldung der flämischen Tageszeitung De Morgen liegt dies an der Tatsache, dass die Bahngesellschaft NMBS/SNCB so Verspätungen aus dem Weg geht.

Eine Bahnfahrt zwischen Antwerpen-Centraal und Gent-Sint-Pieters dauert nach dem aktuellen Fahrplan etwa 5 Minuten länger als vor 20 Jahren. Nach Angaben von De Morgen versucht die belgische Eisenbahn mit längeren Fahrzeiten Verspätungen entgegenzuwirken. Doch das weisen die Verantwortlichen der NMBS/SNCB in dieser Form zurück.

Ziel, Verspätungen durch Verlängerung von Fahrzeiten auf wichtigen Verbindungen zu entgehen, seien längere Fahrzeiten nicht. Aber, der immer dichter werdende Bahnverkehr sei ein Grund für längere Reisezeiten. Bahnsprecher Bart Crols sagte am Freitagmorgen gegenüber der VRT-Nachrichtenredaktion, dass in 20 Jahren viele Züge hinzugekommen seien: "Seit 1998 hat die Zahl der Nahverkehrszüge in den Stoßzeiten morgens und abends, die so genannten P-Züge, um 30 % zugenommen. Es fahren also viel mehr Züge, die sich in bestimmten Momentenauch begegnen müssen. Sicherheit ist für uns eine Toppriorität. Daran ändern wir nichts.“

Jan Vanseveren, Sprecher des Fahrgastverbandes TreinTramBus, ist mit solchen Begründungen nicht einverstanden und sagte gegenüber De Morgen: "Die Fahrpläne werden in Anbetracht der Verspätungen angepasst, obwohl eigentlich das Gegenteil der Fall sein sollte. Überdies legt die NMBS/SNCB enorme Zeitreserven an. Wenn ein Zug mit 10 Minuten in Brüssel abfährt, kommt er trotzdem pünktlich an seinem Zielort an.“

Doktorarbeit über Fahrpläne

Pieter Vansteenwegen, Professor an der Universität von Gent (UGent), hat über die Fahrpläne der Eisenbahn eine Doktorarbeit geschrieben. Er ist der Ansicht, dass die Bahn mit der Anpassung der Fahrpläne an die Verspätungen den richtigen Weg gewählt habe: "Das kling vielleicht seltsam, doch praktisch gesehen sorgt das dafür, dass die Reisenden schneller an ihrem Bestimmungsort ankommen. Lieber eine Minute länger unterwegs sein, als jeden Tag einen Anschluss zu verpassen.“

Doch viele Bahnpendler, wie der Verfasser dieser Zeilen, sehen das anders. Die Zeitreserven z.B. über unnötig lange Standzeiten der Züge in den Unterwegsbahnhöfen, kosten den Fahrgästen weitaus mehr Zeit, als anderswo gewonnen werden kann. Und das ist Zeit, die im Berufs- und Privatleben verloren geht.

Seit dem Jahr 2000 hat die Zahl der Fahrgäste in den belgischen Zügen um rund 50 % zugenommen. Doch darauf hat die belgische Eisenbahn bis heute weder auf Ebene des Fahrzeugparks, noch auf Ebene der Gleisnetz-Infrastruktur adäquat reagiert. Hinzu kommt noch ein starker Anstieg des internationalen Hochgeschwindigkeits- und Güterverkehrs. Hier gilt es grundsätzliche Probleme anzugehen und nicht mehr darum, kosmetische Korrekturen durch verlängerte Fahrzeiten vorzunehmen…