Expat in Belgien: "Am Anfang war alles einfach" - Teil II

Viele sprechen mehrere Sprachen, haben hochqualifizierte Studienabschlüsse und sind einst mit großen Erwartungen und Karriereplänen nach Belgien gekommen. Einige unter ihnen hatten gut bezahlte Spitzenposten wie der Engländer Mike Chambers (Teil I) oder vielversprechende Arbeitsverträge wie die Rumänin Adina Dumitrescu. Heute sind Mike und Adina arbeitslos. Wie ihnen ergeht es auch anderen 'ehemaligen' Expats, so mancher lebt am Existenzminimum. Nur fallen sie unter den erfolgreichen Expats kaum auf. Und die Zahl der in Belgien lebenden EU-Ausländer, die Arbeit suchen, steigt stets weiter an. Das belegen auch Zahlen von Actiris, dem Arbeitsamt der Region Brüssel sowie von VDAB, dem flämischen Arbeitsamt. (Teil II)

Wie der britische Informatiker Mike Chambers versucht es auch die 31-jährige Rumänin Adina Dumitrescu ganz alleine hier in Belgien. Sie reiste vor knapp sechs Jahren mit großen Hoffnungen nach Brüssel, hatte schnell Vertrag und Arbeitserlaubnis in der Tasche.

Es sei damals alles ganz einfach gewesen, erzählt sie. Mit der Studentenorganisation AIESEC, die jungen Leuten nach ihrem Studium zu Arbeit verhilft, kam sie und arbeitete zunächst für eine niederländische Headhunter-Firma. Vier Mal wechselte sie danach noch den Arbeitgeber, war immer im HR-Bereich tätig, zuletzt im Consultancy-Bereich. Auch belgische Firmen seien darunter gewesen.

Seit drei Monaten ist sie jedoch arbeitslos. Arbeitslosengeld bekommt sie nicht, lebt von ihren Ersparnissen. Auch ihre Eltern helfen ihr finanziell aus. Sie müsse schließlich ihre Miete von 630 Euro im Monat weiterbezahlen, denn sie habe einen dreijährigen Mietvertrag, erklärt Adina.

Die 31-Jährige hat sich eine Deadline gesetzt. Wenn sie im Sommer immer noch keinen Job habe, werde sie alles verkaufen und wieder von Null anfangen. „Ich wäre nicht die Erste und sicher auch nicht die Letzte. Vielleicht sagen meine Freunde, dass ich versagt habe, denn die denken, dass Adina reich sein muss, weil sie in Belgien lebt. Die fährt überall hin und hat die Welt gesehen.“

Am besten wäre es, fährt sie fort, wenn sie einen Job in einem anderen europäischen Land fände, dann würde der neue Arbeitgeber vielleicht den Umzug und ihre Miete übernehmen.

Gut ausgebildet und doch keinen Job

Anders als Mike, ist Adina jünger, spricht zumindest eine der Landessprachen, Französisch, fließend und kann auch ein bisschen Niederländisch. Im Interview spricht sie Englisch. Wie Mike stammt sie aus dem EU-Ausland, ist gut ausgebildet, hat aber wie Mike Schwierigkeiten, einen neuen Job zu finden.

Im Vergleich zu Ausländern aus nicht EU-Staaten stürmten immer mehr arbeitslose EU-Ausländer auf den Brüsseler Arbeitsmarkt, stellt das Brüsseler Arbeitsamt Actiris fest. „Wir stellen fest, dass die Zunahme von nicht arbeitenden EU-Ausländern, die einen Job suchen (+4.000, +40,2%), in den vergangenen fünf Jahren stärker gewesen ist als bei Nicht-EU-Ausländern (+ 3.000, +16,8%) oder bei den Belgiern (+8.700, 13,5%)“, erklärt eine Mitarbeiterin von der Brüsseler Beobachtungsstelle für Beschäftigung bei Actiris.

Natürlich seien die nicht arbeitenden EU-Ausländer, die hier eine Arbeit suchten, nicht alle ehemalige Expats, heißt es noch bei der Brüsseler Beobachtungsstelle für Beschäftigung. Die Statistik sage nichts darüber aus, ob die Personen einst mit einem Vertrag nach Belgien gekommen sind oder nicht. Auch müsse hinzugefügt werden, dass die Entwicklung der Zahl arbeitsloser Arbeitssuchender pro Nationalität stark von der Migration und von Phänomenen wie Einbürgerung und Erlangung der belgischen Staatsbürgerschaft abhänge.

Die Mitarbeiterin der Brüsseler Beobachtungsstelle für Beschäftigung führt mehrere Gründe für die vergleichsweise starke Zunahme der nicht arbeitenden und in Brüssel als arbeitssuchend gemeldeten Ausländer mit Staatsangehörigkeit eines EU-Landes an: Sie nennt die Krise in Europa, die EU-Erweiterung (Polen, Rumänien, Bulgarien…), eine neue europäische Gesetzgebung, die die Mobilität von Arbeitnehmern und Arbeitssuchenden fördert sowie die Rolle Brüssels als internationale Stadt und Hauptstadt der Europäischen Union.

„Auf Ebene der EU-Länder haben wir zum Beispiel 2008 – 2012 (Jahresdurchschnitt) eine enorme Zunahme in absoluten Zahlen und Anteilen für Frankreich, Spanien, Polen, Rumänien, Portugal und Bulgarien festgestellt. Daneben ist auch der Anteil der Niederländer, die in der Region Brüssel Hauptstadt als arbeitssuchend gemeldet sind (+46,5%) sowie der Deutschen (+37%) gestiegen.“

Diese Zunahme von Arbeitssuchenden ohne Arbeit und mit einer Staatsbürgerschaft eines EU-Landes sei also nicht allein durch die europäische Krise oder die EU-Erweiterung zu erklären, sondern müsse auch in Zusammenhang zur Rolle Brüssels als Hauptstadt der EU und ihrer Anziehungskraft als solche gebracht werden, so die Mitarbeiterin von Actiris noch.

Insbesondere in Brüssel konzentrierten sich die Lebensläufe mit erstklassigen Ausbildungen, sagt Michel Tubbax (Interview-Video) von der Jobbörse StepStone.

Es handele sich um Expats, die hochbezahlt seien und damit auch mehr Geld kosteten. Viele, die arbeitslos würden, versuchten ihr Glück dann als selbständige Berater, aber diese Aufträge dauerten meistens nur bis zu acht Monate und danach gerieten sie, wenn sie nicht schnell einen neuen Kunden hätten, in Schwierigkeiten, denn ihre Familien seien hier und Rechnungen seien zu bezahlen.

In Flandern zeichnet sich offensichtlich eine ähnliche Tendenz ab. Auch hier ist die Zahl der Arbeitssuchenden mit ausländischer EU-Staatsangehörigkeit gestiegen. Ronny Misplon vom flämischen Arbeitsamt VDAB weist ebenfalls darauf hin, dass aus den Zahlen nicht hervorgehe, ob es sich hierbei um ehemalige Expats handele.

Eine besonders starke Zunahme habe das flämische Arbeitsamt übrigens bei arbeitssuchenden Niederländern verzeichnet und das sowohl in absoluten als auch in relativen Zahlen. Als eine Erklärung hierfür nennt Misplon die vielen Niederländer, die in Gemeinden an der Grenze zu den Niederlanden wohnten. Auffallend sei auch die Zunahme der arbeitssuchenden Osteuropäer in Flandern. Diese Migration basiere sich auf Pull- und Push-Elemente: Die schlechteren Arbeitsmarktchancen dort und die besseren Perspektiven und höheren Löhne hier erklärten unter anderen die Zunahme der Migration aus diesen Ländern.

Zweisprachigkeit Voraussetzung?

„In das korrupte Rumänien“, sagt Adina, wolle sie eher nicht zurückgehen. In Brüssel fühle sie sich zudem „wie ein Weltbürger“. Sie habe sich an das Leben im Ausland und an das internationale Volk gewöhnt, egal, welche Sprache gesprochen würde.

Als einen Grund, warum sie so schnell keine Arbeit hier finde, nennt die aus dem rumänischen Pitesti stammende Adina dennoch die Sprache. Die Firmen in Belgien verlangten stets mehr Niederländisch, so Adina noch und der Brite Mike Chambers ist überzeugt: „Viele internationale Firmen gehen weg aus Europa und wollen keine Leute mehr hier anstellen. Das gilt auch für die britischen Unternehmen (…) Bei zahlreichen Jobs in hiesigen Unternehmen musst Du zweisprachig sein. Das ist deren Art zu sagen, dass sie lieber Belgier einstellen.“

Mike pendelt trotzdem weiter zum Arbeitsamt nach Löwen und hofft auf eine baldige neue Arbeitsstelle und auch Adina knüpft Kontakte, um doch noch Arbeit in Brüssel zu finden. Bis dahin halten beide Kontakt in den sozialen Medien, tauschen sich in Internetforen aus und informieren sich unter anderen auf Expat-Webseiten über ihre Arbeitschancen in Belgien.

Expat-Webseiten

Viele Expats wie Mike und Adina unterstützen sich gegenseitig über soziale Netzwerke. Bei praktischen Fragen und wenn man Kontakt zu anderen Expats knüpfen möchte, kann man zum Beispiel auf People to People International gehen: http://www.meetup.com/socialNIB/ oder auf InterNations: http://www.internations.org/brussels-expats?utm_source=google_adwords&utm_medium=cpc&utm_term=internations_brussels&utm_content=Brand_-_brussels&utm_campaign=_Brand oder zum ExpatClubBrussels: http://www.meetup.com/Expat-Club-Brussels/.