Ex-Minister Michel Daerden verstorben

Der Lütticher PS-Politiker und ehemalige Minister auf belgischer Bundes- und wallonischer Landesebene Michel Daerden ist am Sonntag in einem Krankenhaus in Südfrankreich verstorben. Daerden lag vor seinem Tod nach einem doppelten Herzinfarkt bereits 10 Tage lang in einem künstlichen Koma.

In den vergangenen Tagen hatte sich der Zustand Michel Daerdens verschlechtert. Eine Lungenentzündung und sein schwacher körperlicher Gesamtzustand machten es den Ärzten im Krankenhaus von Fréjus unmöglich, ihn aus dem Koma zu holen.

Daerden wurde 62 Jahre alt und ist Vater von zwei Kindern. Mit dem ehemaligen Bürgermeister von Ans bei Lüttich, dem ehemaligen Verkehrs- und Rentenminister der belgischen Bundesregierung und dem mehrfachen wallonischen Landesminister verlieren die frankophonen Sozialisten PS einen ihrer populärsten Politiker.

Zudem war er vor allem Mitte des vergangenen Jahrzehnts wegen seiner aufsehenerregenden Auftritte, er erschien gleich mehrmals angetrunken vor TV-Kameras, zu Pressekonferenzen und sogar am Rednerpult des Senats in Brüssel und ging keinem feucht-fröhlichen Fest aus dem Weg, was wiederum von den Medien gerne zelebriert wurde.

Doch als Finanzstratege genoss Michel Daerden, der es aus einfachen Verhältnissen heraus geschafft hatte, Wohlstand und Ansehen zu erlangen, Fähigkeiten. Ob als Inhaber und später Hauptaktionär seines Büros für Finanzrevision oder als Verkehrs-, Renten- und Haushaltsminister genoss er hohes Vertrauen. Als Verkehrsminister in der Regierung Dehaene II. lagen wichtige und umfassende Dossiers auf seinem Tisch: Die Hochgeschwindigkeitsstrecke für Thalys und ICE nach Holland und Deutschland, die hohen Schulden der belgischen Staatsbahn oder auch die später gefloppte Übernahme der Fluggesellschaft Sabena durch die Swissair.

Allerdings kollidierten seine privaten Interessen mit seinen politischen Aufgaben. So erhielt sein Büro für Finanzrevision viele Aufträge von staatlicher Seite her: Post, der frankophone öffentlich-rechtliche Rundfunk RTBF, die halbstaatliche Versicherungsgesellschaft Ethias um nur einige zu nennen. Trotz seiner enormen Popularität in der Region Lüttich - bei den Regionalwahlen 2009 erhielt er als so genannter Listendrücker fast 70.000 Vorzugsstimmen - und vielen You Tube-Videos, die ihn zumeist angetrunken und clownesk zeigten, wurde er in seiner Heimatkommune Ans bei Lüttich ausgemustert und von seiner eigenen Mehrheit bei Seite geschoben. Auch die Bundesregierung Di Rupo I. gab ihm kein Amt mehr.

An den Kommunalwahlen im Oktober dieses Jahres sollte er für das Amt des Bürgermeisters der Lütticher Gemeinde St. Nicolas kandidieren und er sollte die neue Lütticher Gesellschaft "W Fin“ leiten, eine Tochter der lokalen Interkommunalen Tecteo. Doch sein angeschlagener Gesundheitszustand - seit 2008 wurde er mehrmals in ein Krankenhaus eingeliefert - und sein ausschweifender Lebensstil dachten wohl anders darüber.

Reaktionen aus der politischen Welt

Premierminister und PS-Parteifreund Elio Di Rupo nannte Michel Daerden einen brillanten Menschen und einen Mann von großer Intelligenz, der schwierige Dossiers sowohl für Wallonien, als auch für Flandern und die Föderale Ebene zum Guten geführt habe. Di Rupo erinnerte auch daran, dass der Verstorbene sehr beliebt war und dass sein Tod für große Trauer sorgen werde. Diese Trauer teile auch er, so Di Rupo.

Johan Vande Lanotte, Ministerkollege und sozialistischer Kamerad der flämischen Sozialisten SP.A, erinnert sich Daerdenes als einen Mann, der sicher mit Zahlen umgehen konnte: "Er beherrschte Zahlen auf eine Art, die das normale weit überschritt. Man konnte ihm nichts vormachen und er war jedem einen Schritt voraus.“ Doch leider habe er diese Fähigkeiten durch sein Alkoholproblem nicht immer optimal nutzen könnten: "Doch selbst wenn er zu viel getrunken hatte, konnte man ihm nichts vormachen und man konnte nicht davon ausgehen, dass er nicht auf sehr Hut war. Das war schon bemerkenswert.“

EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hatte Michel Daerden als Bundesminister in den Regierungen von Premier Dehaene kennen und schätzen gelernt. Er bezeichnete Daerden als Freund, nicht nur von ihm, sondern auch von seinem Bruder, dem CD&V-Politiker Erik Van Rompuy: "Er pflegte mit und meinem Bruder gegenüber eine warme Freundschaft und das ich auch der Aspekt, an den ich mich gerne erinnere. Als Verkehrsminister war er ein sehr fähiger Minister, der einen großen Anteil daran hatte, dass Belgien die Maastricht-Normen erreichen konnte. Ich habe an Michel Daerden, auch wenn es eigenartig klingen mag, eigentlich nur gute Erinnerungen.“