Flandern: Binnenschiffe unter Schutz gestellt

Das flämische Denkmalschutzamt hat erstmals Binnenschiffe unter vorläufigen Schutz gestellt. Dabei handelt es sich um zwei weitgehend im Ursprungszustand befindliche Kanalschiffe vom Typ "spits". Flandern stellt derzeit ein Inventar des Bestands an historischen Binnenschiffen auf.
Die "Bon Crédit" (Baujahr 1898), eines der beiden von Flandern unter Schutz gestellten Binnenschiffe

Flanderns Landesdenkmalschutzminister Geert Bourgeois (N-VA) unterzeichnete kürzlich die vorläufige Unterschutzstellung der beiden Binnenschiffe "Bon Crédit“ und "Mon Désir“, zwei ehemalige Schleppkähne vom Typ "spits“, die später motorisiert wurden. Beide Schiffe sind weitgehend im Originalzustand. Das diese Schiffe geschützt werden, hat seinen guten Grund: Flandern stellt derzeit eine Inventarliste zusammen, die alle erhaltenswerten historischen Schiffe erfassen soll, die einst für die hiesige Binnenschifffahrt wichtig waren. Ziel ist, später einige dieser Schiffe endgültig unter Denkmalschutz zu stellen.

Die Binnenschiffe vom Typ "spits“ bestimmten in der Zeit zwischen 1890 und den 1970er Jahren das Bild der Frachtschiffe auf den hiesigen Binnenwasserwegen. In den 1960er Jahren waren noch rund 60 % der Binnenschiffe in Belgien "spitsen“. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden diese Frachter geschleppt oder über Treidelpfade entlang der Flüsse und Kanäle zumeist von Pferden gezogen. Danach wurden sie motorisiert. Aber heute sind von diesen typischen Binnenschiffen kaum noch welche erhalten, weshalb u.a Flandern jetzt einige von ihnen erhalten möchte.

Bauweise und Abmessungen der "spitsen“ sind eng verbunden mit den Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts gebauten bzw. modernisierten Binnenwasserwegen in Belgien. Das Bundesland Flandern ist durchzogen von solchen Kanälen und uferbegradigten Flüssen. Damit sich die Transporte mit den Binnenschiffen damals optimal rentierten, wurden sie perfekt auf die damals aktuellen Schleusen abgestimmt: 38,5 m lang und nur 5,05 m breit, spitz eben! Grundlage für diese Abmessungen lieferte der französische Ingenieur und damalige Minister für öffentliche Arbeiten, Charles de Freycinet, der bestimmte Schleusentypen entwarf und damit das Kanalnetz in und um Frankreich herum, also auch in Belgien, standardisierte.

"Bon Crédit" und "Mon Désir"

Belgien war das erste Land auf den europäischen Festland, in dem sich die industrielle Revolution durchsetzte und ein neues Bild eines Landes zeigte. Damals waren neue Schiffe nötig, die schnell Massengüter - Rohstoffe, Energiemittel (Kohle) und fertige Produkte - transportieren konnten.

Diese Klasse der kastenförmigen Kanalschiffe, zu der "Bon Crédit“ und "Mon Désir“ gehören, entstand im Zuge der 1879 von Minister Freycinet festgelegten Norm für die Schleusenabmessungen in den französischen (und später auch den belgischen) Kanälen. Entwickelt wurde dieser Schiffstyp in Belgien. "Spitsen“ oder "péniches“ waren ursprünglich reine Schleppschiffe (Treidelschiffe) ohne Aufbauten, die manchmal mittschiffs einen Stall aufwiesen, wenn die Schiffseigner oder -betreiber eigene Treidelpferde hatten.

Im Zuge der Motorisierung ab den 1920er Jahren baute man auf das Achterdeck eine niedrige Wohnung, "Roef“ genannt, und davor ein nur wenig höheres Steuerhaus, eigentlich eher ein Schutzdach für Steuer und Armaturen. Durch die niedrigen Aufbauten machen diese Schiffe einen gedrungenen Eindruck, doch zum Unterqueren der oft niedrigen Brücken war diese Bauweise ebenfalls gedacht.

Die "Bon Crédit“, Baujahr 1898, gehört zu einer Bauart, die den Übergang zwischen der Holz- und der Metallbauweise darstellt. Mit ihrer mittschiffs liegenden Wohnung ist sie typisch für diese Mischbauweise. Sie liegt heute in Gent an der Verbindigsvaart und ist in Privathand. Die "Mon Désir“ wurde 1913 gebaut und ist das einzige vollständig erhaltene Binnenschiff von Typ "spits“ aus der Zeit des Anfangs des 20. Jahrhunderts. Das Schiff ist vollständig und mit allen Armaturen unter und auf Deck erhalten. Beide Schiffe haben sogar noch den originalen Treidelmast.

Die "Mon Désir“ ist leicht zu besichtigen, denn sie liegt am Bonaparte-Dock neben dem neuen Antwerpener Museum am Strom, MAS, und gehört zur Sammlung des Rhein- und Binnenschifffahrts-Museum. Das Schiff ist zu didaktischen Zwecken ab und zu zugänglich.

Quelle: u.a. M&L, das Infomagazin des flämischen Denkmalschutzverbandes "Monumente, Landschaften und Archäologie“ - Ausgabe Mai/Juni.