Dutroux-Komplizin kommt frei

Am Dienstag hat der Kassationshof Michelle Martins vorzeitiger Haftentlassung unter Auflagen zugestimmt. Damit ist die Berufung gegen das Urteil des Strafvollzugsgerichts von Mons abgewiesen. Nach 16 von 30 Jahren Haft kommt die Ex-Frau und Komplizin des Kinderschänders und Mörders Marc Dutroux vorzeitig auf freien Fuß.

Durch den Entschluss des obersten belgischen Gerichts steht der Freilassung Michelle Martins nichts mehr im Weg.

Sobald das Urteil des Brufungsgerichts in Brüssel der Gefängnisdirektion von Berkendael, also dem Gefängnis, in dem Michelle Martin sitzt, ausgehändigt worden ist, kann sie freigelassen werden. Spezialeinheiten der Polizei können sie dann ins Kloster von Malonne bringen. Die Nonnen des Klosters im südbelgischen Malonne bei Namur hatten sich bereit erklärt, sie aufzunehmen.

Die Richter sahen keine formalen Gründe, der in früherer Instanz von einem Gericht in Mons verfügten und vom dortigen Generalstaatsanwalt sowie den Opferfamilien angefochtenen Freilassung zu widersprechen. Die Berufung, die durch Jean-Denis Lejeune, Patricia Martin, Laetitia Delhez und Jean Lambrecks eingereicht worden war, wurde für unzulässig erklärt (Opfer und Zivilparteien können sich nicht gegen Urteile eines Srafvollzugsgerichts wenden. Sie stellen für das Strafvollzugsgericht keine Partei in dem Prozess dar.), während die von der Staatsanwaltschaft von Mons für unbegründet erklärt wurde (Das Urteil des Strafvollzugsgerichts ist gesetzeskonform. Es sind keine Verfahrensfehler gemacht worden.).

Das Urteil wird jedoch von vielen Belgiern als ungerecht empfunden. Martin habe die Schwachstellen des Gesetzes ausgenutzt, heißt es. Man brauche sich keine Illusionen machen, Marc Dutroux werde die gleiche Anstrengung unternehmen. Jean-Denis Lejeune, der Vater von Julie, eines der Opfer Dutroux, reagierte niedergeschlagen: "Ich war zwar darauf vorbereitet, trotzdem ist mir beim Anruf meines Anwalts eiskalt über den Rücken gelaufen. Ich würde am liebsten losschreien. Für mich ist Michelle Martin genauso Schuld am Tod meiner Tochter wie Dutroux. Sie ist noch gefährlicher als er", so Lejeune.

Die einzige Hoffnung, die Jean-Denis Lejeune noch habe, sei, dass Michelle Martin endlich mit der Wahrheit über die schrecklichen Taten herausrücke, aber auch daran zweifele er. So habe sie nie erzählt, wo die Mädchen beerdigt seien, obwohl sie das wisse.

Michelle Martin sei bereit, sich mit den Familien der Opfer zu treffen und zu reden. Das hat ihr Anwalt, Thierry Moreau, am Dienstagnachmittag mitgeteilt, nachdem klar war, dass der Freilassung seiner Mandantin nichts mehr im Wege stehen würde. "Sie hat das in der Vergangenheit stets zu erkennen gegeben und das ist immer noch so. Früher gab es bereits einen Versuch, um mit den Opfern ein Gespräch zu führen. Dieses Angebot wurde über eine Organisation gemacht, die mit der Vermittlung zwischen Tätern und Opfern Erfahrung hat, aber darauf ist nicht geantwortet worden."

Kurz nach dem Urteil des Strafvollzugsgerichts sei dieses Angebot erneuert worden, aber auch hierauf soll noch keine Antwort gekommen sein.

Georges-Henri Beauthier, der Anwalt von Jean-Denis Lejeune und Laetitia Delhez, hat angekündigt, dass er mit dem Fall vor den Europäischen Hof für Menschenrechte in Straßburg ziehen würde.

Übersicht: Kassationshof schmettert zwei Berufungsanträge ab

Am 31. Juli 2012 hatte sich das Strafvollzugsgericht in Mons für Michelle Martins vorzeitige Haftentlassung unter Auflagen ausgesprochen. Das Gericht hatte befunden, dass sich Martin auf dem Weg der sozialen Wiedereingleiderung befände. Das Gericht hatte außerdem berücksichtigt, dass Martin mit ihrer Niederlassung  im Frauenkloster von Malonne (in der Provinz Namur) im Interesse der Opfer, die eine geographische Distanz zu ihr wünschen, handele.

Die Anwälte von Jean-Denis Lejeune, Laetitia Delhez und der Famillie Lambrecks sowie die Staatsanwaltschaft von Mons hatten unmittelbar danach Berufung beim Kassationshof gegen dieses Urteil eingelegt. Michelle Martin musste bis zum Urteil des Kassationshofs am heutigen Dienstag im Gefängnis bleiben.

Der Kassationshof schmetterte die Berufungsanträge ab. Jetzt darf die Ex-Komplizin Dutroux das Gefängnis unter Auflagen verlassen.