Martin: Presse kritisiert politischen Populismus

Die vorzeitige Haftentlassung von Michelle Martin steht Zentral in den Kommentaren der Tageszeitungen. Die Journalisten zollen den Angehörigen der Opfer Respekt für ihren Kampf, doch der Politik werfen sie in diesem Zusammenhang Populismus vor.

"Es ist bitter zu sehen, wie wenig erwachsen die Politik in diesem Land mit Beschlüssen des eigenen Justizapparates umgeht“, schreibt die flämische Zeitung De Morgen, die den politischen Populismus, der auf dem Rücken dieses Vorgangs auftaucht schädlich nennt: "Anstatt vorne auf dem Deck zu stehen, um den Sturm, denn der Fall Martin auslöst, der Bevölkerung klar und deutlich zu erklären, reden die Politiker nur über Gesetzesanpassungen, damit 'solche Monster‘ nicht mehr freikommen.“

De Standaard nennt das "Mitsurfen auf den Wellen der aufgeheizten Emotionen des Volkes einfach nur unwürdig: "Der Fall Martin zeigt, dass uns nur das unvollkommene Instrument Justiz von der Willkür der Rache trennt. Um diese zerbrechliche Mauer in Stand zu halten, müssen wir Tage wie diese ertragen. So schwer das auch ist.“

Das frankophone Brüsseler Blatt Le Soir erinnert daran, dass gerade die Parteien, die jetzt die vorzeitige Haftentlassung in Frage stellen, in den vergangenen Jahren auf gesetzgebender Ebene an der Macht waren: "Solche Debatten sollten nicht in emotionalen Momenten, wie diesen geführt werden. Zudem hat die Regierung Di Rupo längst vereinbart, die Auflagen dafür zu erschweren, ohne dieses System vollständig über Bord zu werfen. Dies sagen zu dürfen, würde das Ansehen der Abgeordneten dieser Parteien wachsen lassen.“

Auch Gazet Van Antwerpen und La Libre Belgique stellen in Frage, dass viele Politiker dem Populismus nach dem Mund reden. Aber, sie drängen wohl darauf, dass die Politik das Thema aufgreift und an den bestehenden Gesetzen etwas ändert. Gazet ruft die Politiker auf, ihre Verantwortung zu übernehmen, um gemeinsam die Lücken im entsprechenden Gesetz zu schließen.

Het Nieuwsblad hingegen geht scharf mit der Justiz ins Gericht und schreibt: "Vor 16 Jahren zeigte uns die Justiz ihr unmenschliches Gesicht und eine Weltfremde, die an Inkompetenz grenzte. Die Frage ist, ob sich das grundsätzlich geändert hat.“ Der Zeitung liegt vor allem schwer im Magen, wie wenig die Justiz die Opfer der Dutroux-Bande auf die vorzeitige Haftentlassung Martins vorbereitet hat und wie wenig sie diese begleitet. Het Nieuwsblad unterstreicht bei aller Kritik auch die Wichtigkeit des Rechtstaates und greift auch die inkonsequente Haltung der Politik an.

Het Laatste Nieuws letztendlich nimmt die Nonnen des Klarissenklosters in Malonne in Schutz: "Die Schwestern folgen dem christlichen Lebensweg, den sie eingeschlagen haben. Sie beten jemanden einen Zufluchtsort, der keinen Ort hat, wo er hin kann: einer Frau, die nur eine Vergangenheit hat, aber keine Zukunft. Dafür verdienen sie Respekt und keine Bedrohung. Wohin führt unsere Welt, wenn schon Nonnen in einem Ort des Friedens bedroht werden?“