Die Utopie der Menschheit

"Die Menschenrechte sind die letzte Utopie des Menschen. Wir werden nie ganz dorthin kommen. Sie sind ein Projekt, das immer in Bewegung ist." Hierauf verweist schon der Titel der Ausstellung in Mechelen: NEWTOPIA De STAAT VAN DE MENSCHENRECHTEN. 70 international bekannte zeitgenössische Künstler/-innen, aber auch junge Neuentdeckungen spiegeln den aktuellen Stand der Menschenrechte wieder. An verschiedenen Ausstellungsorten der Stadt geben sie vom 1.9.-10.12. ihre Vision und künstlerische Antwort auf Menschenrechtsfragen. Auch die ‘Entstehung der Menschenrechte’ und ihre Entwicklung sind Thema.

Eigentlich sollte die Ausstellung NEWTOPIA DE STAAT VAN DE MENSENRECHTEN (The State of Human Rights) zeitgleich mit der Neueröffnung der Kazerne Dossin, Gedenkstätte, Museum und Dokumentationszentrum über Holocaust und Menschenrechte, zusammenfallen. Das Museum in Mechelen ist jedoch noch nicht fertig, seine Eröffnung auf Ende November verschoben worden.

Die flämische Stadt Mechelen mit ihren rund 85.0000 Einwohnern habe eine besondere Beziehung zum Thema Menschenrechte, betont der Bürgermeister der Stadt, Bart Somers, auf der Presseveranstaltung von Newtopia am Donnerstag.

So sei die Stadt einst Zentrum des europäischen Humanismus gewesen. Das sei ihre helle Seite, aber es habe auch eine dunkle Seite gegeben. Während des Zweiten Weltkriegs war in der Dossin-Kaserne in Mechelen, das zwischen Brüssel und Antwerpen liegt, ein SS-Sammellager eingerichtet, weil in dieser Gegend die meisten Juden wohnten. Von hier aus wurden mehr als 26.000 Juden, Sinti und Roma ins Konzentrationslager nach Auschwitz deportiert. Schwierigen Themen wolle man eben nicht aus dem Weg gehen, fügt Somers noch hinzu.

"Das geht uns alle an"

Vor dem Hintergrund der Geschichte dieses Ortes, sei es der Kuratorin Katerina Gregos (großes Foto), gebürtige Griechin, die in Brüssel lebt, deshalb unmöglich gewesen, nicht etwas über Menschenrechte zu machen.

"Das geht uns alle an", so Gregos mit entschiedener, fester Stimme. "Wir sind Zeugen der Ohnmacht, zum Beispiel mit der Liberalisierung, mit dem Verlust der sozialen und Bürgerrechte, auch bei uns in Europa."

Newtopia reflektiert also nicht nur die Lage im Süden und in den Entwicklungsländern, sondern verweist auch auf die Situation in der westlichen Welt in der Zeit nach 1989 und dem 11. September - eine Zeit, in der die Menschenrechte in zunehmendem Masse bedroht zu sein scheinen.

Die Ausstellung will übrigens nicht nur die düsteren Seiten zeigen. So sei die Erklärung der Menschenrechte durch die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen eine direkte Reaktion auf die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, betont Bart Somers. "Wir leben in sehr unsicheren Zeiten und in solchen Momenten haben wir einen Halt nötig. Dieser Halt sind die Menschenrechte."

Heute werde aber der Begriff Menschenrechte in der öffentlichen Debatte eher mit negativen Stereotypen besetzt, unterstreicht die Kuratorin Gregos noch. Man denke nur an die Bilder von verhungernden Kindern, sobald man das Thema in Google eingebe. In der Ausstellung solle das Thema Menschenrechte deshalb auch in anderen Facetten dargestellt, das Image verbessert werden.

Internationale zeitgenössiche Künstler

Newtopia kann als Ausstellungsparcours durch Mechelen gesehen werden. Die Kuratorin hat hierfür Künstler und Künstlerinnen aus aller Welt zusammengetragen. Am schwierigsten sei gewesen, den chinesischen Künstler Zhou Zixi zu bekommen, erzählt Gregos.

Der symbolische Start ist Hot Spot (großes Foto oben) von Mona Hatoum aus dem Libanon. Durch ihre Stahl und Neonröhren-Weltkugel fliessen zigtausend Volt. "Bitte wegbleiben", warnt ein Schild den Besucher. Überall auf der Welt gibt es Probleme. Bei ihr ist die Erde ein rollender Käfig.

Bei der schwarz-weissen Fotomontagereihe der Amerikanerin Lynn Hershmann Leeson staren die gefangenen Frauenkörper in den Kameras zurück (kleines Foto). Und die Belgierin Lieve Van Tappen ruft die Geister von Kindern, die durch Geistliche missbraucht wurden, wach. Leere mundgeblasene Taufkleider lassen an die Zerbrechlichkeit der Kinder denken. Sogar eine in Belgien für die Ausstellung hergestellte Briefmarke von dem Palästinenser Khaled Jarrar ist in der Ausstellung zu sehen. Die Briefmarke mit dem palästinensischen Vogel darauf und der Aufschrift "State of Palestine", wie er aussehen könnte, kann man in Belgien übrigens kaufen. Außerdem werden ein Pablo Picasso und ein Andy Warhol auf der Expo gezeigt.

Besonders stolz ist die Kuratorin auf die persönlichen Aufzeichnungen des politisch aktiven expressionistischen Künstlers Franz Holß (Franz Wilhelm Meyer, 1906-1957) aus Deutschland, der auf der Flucht vor Hitler war. Seine Notizbücher seien Gregos zufällig in die Hände gefallen.

Der deutsche Blick ist immer auch ein anderer

Unter den deutschen Künstlern sind unter anderen auch Hans Haacke und Thomas Kilpper. Letzteren hat Gregos schon einmal als Kuratorin des dänischen Pavillons auf der Biennale in Venedig 2011 ausgestellt. Kilpper, der eine Zeitlang in Italien lebte, zeigt mit seinem Projekt "Ein Leuchtturm für Lampedusa" die heikle Situation der Immigranten auf. Er will ihnen einen Leuchtturm bauen zur besseren Orientierung. "Es geht um die Frage, offene Grenzen in Europa oder nicht. Ich widerspreche der Richtung, die die EU geht und deren Staaten sich abschotten. Ich plädiere dafür, die Menschen hier zu integrieren und unsere Privilegien mit ihnen zu teilen", erklärt der zur Zeit in Berlin lebende Kilpper in einem Interview mit flanderninfo.be.

Auf die Frage, ob er wegen seiner deutschen Geschichte einen anderen Blick auf die Dinge hier in der Ausstellung hätte als seine Künstlerkollegen antwortet Kilpper : "Natürlich gibt es Künstler, denen ich mich eher verbunden fühle. Gerade mit unserer Geschichte ist es wichtig, diese auch heute noch zu verarbeiten. Die Gewalt ist zwar schon über 60 Jahre her, aber heute immer noch zu spüren."

Dass wir Deutschen eine andere Sicht auf die Dinge hätten und befangener mit unserer Vergangenheit umgingen als andere, findet auch die deutsche Presseverantwortliche für die Auslandsmedien von Newtopia, Daniela Goldmann. Ein schlichter, unvoreingenommener Blick von aussen, wie von der griechischen Kuratorin, die in Brüssel lebt, akzentfrei Englisch spricht und jederzeit auch auf Französisch antworten kann, eröffne deshalb neue Perspektiven und es tauchten neue Künstlernamen auf.

Vielleicht schafft Kilpper ja, wie er selbst sagt, "im nächstes Jahr, wenigstens einen symbolischen Turm zu errichten", ganz nach dem Motto der Ausstellung und der Kuratorin: "We Perform Miracles if we only put heads to it" ("Wir vollbringen Wunder, wenn wir nur darran glauben?")

Die Eröffnung des Museums über Holocaust in Mechelen muss noch bis Ende November warten, für das grosse Kunstprojekt Newtopia fällt wie geplant an diesem Samstag der Startschuss mit einem grossen Fest in der ganzen Stadt. So kann Mechelen eben gleich zwei Mal international von sich Reden machen.

Praktische Informationen unter: http://www.newtopia.be/en/#slide_0