Sint-Niklaas: Belgiens art deco-Hauptstadt

Sint-Niklaas in Ost-Flandern ist eine eher unauffällige Stadt, kann aber mit einer architektonischen Besonderheit aufwarten. Sie ist reich an Gebäuden im Stil von art deco, art nouveau und Neue Sachlichkeit. Dieser Reichtum kann in einem Spaziergang entdeckt werden.

In Sint-Niklaas lebte bereits zum Anfang des 20. Jahrhunderts die Idee, die Stadt in ihrer Struktur etwas zu verändern und zu modernisieren. Der Erste Weltkrieg, dessen Zerstörungswut in Flandern Sint-Niklaas weitgehend verschonte, ließ die entsprechenden Pläne eine Weile in der Schublade verschwinden, doch als 1919 die wirtschaftlichen Aktivitäten der Stadt wieder auflebten, kamen auch die Stadtplaner wieder in Aktion.

Arbeiter strömten in die Stadt und es musste Wohnraum geschaffen werden. Die reichen Industriellen ließen sich Villen bauen, bevorzugt in den Neubaugebieten, die ringförmig um das historische Stadtzentrum entstanden. In dieser Zeit war art deco sowohl bei den Architekten, als auch bei den Häuslebauern und den Stadtplanern deutlich im Trend und auch der damalige Stadtbaumeister August Waterschoot war dem nicht abgeneigt.

Im Laufe der Jahre entstanden Villen, Herrenhäuser, einfache Wohnhäuser, aber auch Hotels oder Schulen in Sint-Niklaas im Stile des art deco und seiner anverwandten Stilrichtungen. Dieser historische architektonische Reichtum ist einzigartig und kaum etwas davon ist dem Zweiten Weltkrieg oder, wie z.B. schändlicher weise in Brüssel, der Bau- und Betonwut der 1960er- und 1970er Jahre zum Opfer gefallen.

Art deco-Spaziergang und noch viel mehr

Die Stadt Sint-Niklaas ist sich ihres architektonischen Reichtums bewusst und bietet einen Spaziergang an, der so ziemlich alle entsprechende Bauten und Fassaden entdecken lässt. Der Spaziergang beginnt am Tourismusamt am Großen Markt der Stadt (übrigens flächenmäßig der größte Marktplatz Flanderns mit einem prächtigen Rathaus).

Dort können Führungen gebucht werden und sehr beliebt sind auch die art deco-Wanderungen auf eigene Faust, zu denen man im Tourismusamt einen ausführlichen Plan erwerben kann. Interessanterweise bietet dieser Plan einen zweiten Spaziergang an, der durch das historische Sint-Niklaas führt. Beide Wanderungen kreuzen sich mehrmals und so kann man beide Angebote sehr gut mit einander ergänzen, was durchaus empfehlenswert ist.

Der Rundgang beginnt am Houtbriel, einem kleinen Platz mit vielen Gaststätten und Terrassen neben dem Großen Markt. An der Ecke zur Stationsstraat findet sich zum Beispiel das Hotel "De Spiegel“, dass Stadtbaumeister und Architekt August Waterschoot 1929 entwarf und baute. Auf dem Weg vom Houtbriel in Richtung Kalkstraat kann man weitere art deco-Bauten entdecken: Eine ehemalige Apotheke und ein Doppelhaus von Architekt August Stoop zum Beispiel.

Von der Kalkstraat über die Walburgstraat, die Grote Peperstraat und Parklaan und Kokkelbeekstraat, wo ganze Häuserreihen in art deco oder art nouveau erstrahlen, geht es in Richtung Mgr. Stillemansstraat.

Prächtiger Straßenzug

Die Mgr. Stillemansstraat entstand im Ganzen etwa ab 1930 und hier steht ein art deco-Haus neben dem anderen. Doch fast alle dieser Gebäude weisen unterschiedliche Bauweisen auf, was diese Straße so einmalig erscheinen lässt. Herausragend sind hie Hausnummer 9 von Architekt Hilaire De Boom und die Hausnummern 21 bis 23 von August Stoop.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fallen die Häuser 24, 32 und 38 auf, die von August Waterschoot und seinem Sohn Leander entworfen wurden. Interessant ist auch das Haus mit der Hausnummer 41, ein Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit von Architekt Joseph Van Coillie, der selbst hier wohnte und arbeitete. Weiter geht es über die Hoveniersstraat in Richtung Nieuwsstraat, wo die Broederschule sofort ins Auge fällt.

Diese katholische Schule ist außen und innen besonders gelungen und ein Blickfang sondergleichen. Der Bau wurde 1932 von August und Leander Waterschoot entworfen und wenig später eröffnet. Von hier aus führt der Rundgang über weitere Straßen, in denen einzelne art deco-Bauten zu entdecken sind wieder über den Großen Markt und dann weiter über die Collegestraat, die Britsomstraat und die Casinostraat in Richtung Bahngleise.

Auf der anderen Bahnseite bestechen die Spoorweglaan und die Nijverheidsstraat durch einfache und leider nicht immer so gut erhaltene Wohn- und Geschäftshäuser. Am Ende der Nijverheidsstraat fallen wiederum zwei einzeln stehende Villen auf, die zwar ihren alten Glanz verloren haben, aber einen typisch belgischen sachlichen Stil zeigen.

Info

Das Tourismus- und Fremdenverkehrsamt von Sint-Niklaas bietet reichhaltige Informationsbroschüren in mehreren Sprachen zu den Angeboten der Stadt und der Provinz Ostflandern.

Die Stadtkarte "Spazieren in Sint-Niklaas“ kostet dort 1 € und bietet zum einen die 5,3 km lange art deco-Wanderung und zum anderen die 4,7 km lange historische Wanderung. Beide Spaziergänge treffen sich regelmäßig und so kann man sich dem einen Thema widmen, und den anderen Bereich mal eben "mitnehmen.“ Beides ergänzt sich auf eine schöne und gleitende Art und Weise und bietet zu den touristischen Hauptzielen Brügge, Gent, Antwerpen und Brüssel in Flandern eine sehr gute Alternative.

Dienst Toerisme
Grote Markt 45
B-9100 Sint-Niklaas
www.sint-niklaas.be