Brüssel will Angoulême Konkurrenz machen

"Brüssel ist das Mekka der europäischen Comic-Kultur", sagt der belgische Regisseur Christoph Bohn, der für die diesjährige dritte Ausgabe des Comicfestivals in Brüssel eine Comics Light Show konzipiert. Am Abend des 7. und 8. September werden 20 Minuten lang die wichtigsten Comicfiguren in 2D und 3D auf den Fassaden dreier Gebäude auf dem Koningsplein in Brüssel lebendig.

Zweieinhalb Monate haben der belgische Regisseur Christoph Bohn (Foto) und vier weitere Personen des Kollektivs GODFAILED non stop an dem Spektakel gearbeitet.

Bei dieser, wie Bohn selbst sagt, weltweit einzigartigen Comicfigurenshow werden Spezialeffekte des Video Mapping angewandt. Bohn und seine Leute, die dies schon einmal für das Comicfestival 2010 gemacht haben, zeichnen zunächst die Gebäude auf und projizieren sie dann in 3D auf den Computer und wieder zurück (2D) auf die realen Gebäudefassaden. "Dann kann ich damit im Grunde machen, was ich will", erklärt Bohn. "Ich kann zum Beispiel Säulen hinter das Gebäude setzen oder einen großen Vogel aus einem der Gebäude fliegen und gleichzeitig eine Figur hinter einer Tür verschwinden lassen. Der Zuschauer hat den Eindruck, er gehe mit."

"Die Comicfiguren bekommen ein neues Leben"

Das Faszinierende an dieser Technik ist, dass sie beim Zuschauer eine optische Illusion, eine Art Sinnestäuschung, bewirkt, die durch den 3D-Effekt der Bewegung entsteht. Dadurch erscheint ein statisches Gebäude in ständiger Bewegung zu sein, als würde es leben. Jede einzelne Szene werde zudem von Musik untermalt, die extra für diese Show geschrieben worden sei, so Bohn.

Die drei Gebäude auf dem Koningsplein in der Brüsseler Innenstadt, auf die die Show projiziert wird, sind zusammen über 140 Meter breit, was die 2- und 3D-Projektion gigantisch erscheinen lässt. "Die Comicfiguren selbst bleiben authentisch, sie werden jedoch in die Gebäude und in bestimmte Szenen integriert und bekommen ein neues Leben", betont der in Kortrijk aufgewachsene, jedoch deutschsprachige Regisseur und fügt noch hinzu, dass die Sequenzen von ein bis zwei Minuten, die nacheinander gezeigt würden, natürlich keine eigene Geschichte erzählen dürften, denn das verstoße gegen die Autorenrechte. Sie seien eben nicht narrativ, sondern evokativ, enthalten also bestimmte Vorstellungen.

So beginnt die Show mit einer der berühmtesten Comicfiguren Belgiens, mit dem jungen belgischen Reporter Tim (Tintin / Kuifje), dessen Telefon genau wie in den Comics am Anfang eines Abenteuers klingelt. Dann klettert Tim die Fassade hoch, geht auf Verbrecherverfolgung, läuft dabei auf einem Zug und schließlich läßt ihn Bohn noch in einer Rakete fliegen. Die Show endet übrigens auch mit Tim, der Figur des Belgiers Hergé, der zum Mond fliegt.

Zu sehen seien aber nicht nur klassische Kindercomics wie Tim und Struppi und die Schlümpfe, sondern zum Beispiel auch eine Manga-Szene, wobei "ein riesengroßer Roboter aus dem Gebäude springt", erklärt Bohn. Ausserdem würden unter anderen Spirou ("Pit und Pikkolo"), Manipulami und Blake & Mortimer gezeigt sowie etwas von dem Amerikaner Charles Burns und dem belgischen Comiczeichner François Schuiten.

3D-Brillen müssen die Besucher für die Show übrigens nicht mitbringen, weil die Projektion selbst nicht in 3D, sondern in 2D ist.

Wussten Sie, dass....

"...eine Sekunde 25 Bilder hat. Um auszurechnen, was auf dem ersten Bild ist, muss man 30 Sekunden Informationen (zum Beispiel ein Vogel fliegt durch das Bild und ein Fenster wird geöffnet) auf das Bild rechnen und das Ganze mal drei Kameras nehmen", erklärt Bohn mit einem eher müden Blick. Der Computer müsse stundenlang rechnen und erst gegen drei Uhr morgens sei alles errechnet, erst dann sehe man das Ergebnis des Bildes. Ist es nicht so, wie man es möchte, müsse man eben wieder von vorne anfangen, aber Spass mache es trotzdem, so Bohn noch.

Brüssel hat höchste Konzentration von Comic-Helden pro Quadratmeter

Comic-Helden wie Marsupilami, Blake & Mortimer, Suske und Wiske und natürlich auch Tim und Struppi, Nero oder Guust Flater und Lucky Luke sind in Brüssel überall und das ganze Jahr über zu finden. Sie zieren Häuserwände und U-Bahnmauern oder stehen als Standbilder auf Bürgersteigen. Man kann sie in Museen antreffen oder in Souvenirläden kaufen.

Mit einem riesen Fest in der Innenstadt will man deshalb einmal mehr Brüssel als die Hauptstadt des europäischen Comics hervorheben.

"Brüssel ist mit der belgischen Comicserie Tim und Struppi aus der Feder von Hergé (1929) und den Schlümpfen, die 1958 erstmals in Brüssel das Licht der Welt erblickten, auf jeden Fall die Wiege des europäischen Comics", so Martha Meeze, Presseverantwortliche beim Brüsseler Tourismusamt. Heute zählt unser Land rund 650 professionelle Comicautoren. Das ist weltweit die höchste Konzentration von Comic-Helden pro Quadratmeter.

Am Wochenende des 7., 8., und 9. Septembers werden alle Comic-Initiativen in Brüssel "in einem Dorf" zusammengebracht. Auf dem Programm stehen zum Beispiel eine große Ballonparade am Samstagnachmittag, wobei schon am Morgen auf dem Paleizenplein zugesehen werden kann, wie die Riesenhelden aufgeblasen werden und ein Comic-Abendessen im Moof (museum of original figurines), bei dem Comiczeichner ein großes Fresko anfertigen und zeigen, wie so eine Comiczeichnung zustande kommt sowie diverse Ausstellungen, Führungen und Treffen mit Comiczeichnern.

Diese dritte Ausgabe sei eine Vorbereitung, damit das Fest in Brüssel irgendwann einmal wie das bedeutende internationale Comicfestival im französischen Angoulême werde, hofft der Regisseur Bohn.

Praktische Info

Das Licht-, Farben- und Musikspektakel findet im Rahmen des diesjährigen Comicfestivals am Freitagabend, 7. September, gegen 23 Uhr und am Samstag, 8. September, gegen 21. 45 Uhr auf dem Koningsplein in Brüssel statt und ist kostenlos.

Das Comicfestival in Brüssel dauert in diesem Jahr drei Tage. Es beginnt am Freitag, 7. September und endet am Sonntag, 9. September.

Weitere Infos : http://visitbrussels.be/bitc/BE_nl/stripfeest.do