Das Jahr 2012: Was Belgien bewegte

2012 war auch in Belgien ein bewegtes Jahr. Gleich mehrmals wurde die Öffentlichkeit durch Dramen aufgeschreckt. Die tiefsten Narben hinterließ das schreckliche Unglück mit einem mit Schulkindern besetzten Reisebus aus Flandern im schweizerischen Sierre, bei dem 22 Kinder und sechs Erwachsene ums Leben gekommen waren.
Trauer in Lommel nach dem Busunfall von Sierre

Das Drama von Sierre

Am Morgen des 14. März 2012 hatte sich in Sierre im Schweizer Kanton Wallis ein schreckliches Busunglück ereignet. 28 Menschen aus Lommel und Löwen Flandern kamen um, darunter 22 Kinder. Der Reisebus war auf der Rückreise von einer Schneeklasse in die Heimat, als er von der Fahrbahn abkam und ungebremst gegen die Betonwand einer Nothaltebucht in einem Tunnel stieß.

Der Aufprall war furchtbar: Vom vorderen Teil des Reisebusses war nicht mehr viel übrig. Bis heute ist die genaue Unfallursache noch immer unklar. Ganz Belgien stand unter Schock und die Regierung in Brüssel ordnete Staatstrauer an. Eine Woche nach dem schrecklichen Unglück nahmen 5.000 Menschen nehmen im limburgischen Lommel an einer Trauerfeier teil, darunter das belgische Königspaar.

Die Solidarität war auch in der Schweiz sehr groß. Belgien bedankte sich bei den Nothelfern, die an der Unfallstelle ihre Dienste geleistet hatten und einige dieser Helfer waren später auch nach Flandern gekommen, um den Getöteten zu gedenken und um Angehörige und überlebende zu besuchen.

Buskontrolleur in Brüssel: Tod im Dienst

In Atem gehalten hat Belgien auch ein tödlicher Übergriff im Brüsseler Nahverkehr. Anfang April wurde ein Kontrolleur der Verkehrsbetriebe der Region Brüssel-Hauptstadt MIVB/STIB brutal von einem vom Autofahrer herbeigerufenen Mann zusammengeschlagen als er einen Unfallschaden im Stadtteil Molenbeek aufnehmen will. Der Mann verstarb noch an der Unfallstelle. Brüssel stand unter Schock. Der U-Bahn-, Straßenbahn- und Busverkehr in der Hauptstadt wurde sofort eingestellt.

Fast eine Woche lang stand der öffentliche Nahverkehr in der Hauptstadt still - bis zur Beisetzung des Kontrolleurs. Die Mitarbeiter der Nahverkehrsgesellschaft fordern mehr eigenes Sicherheitspersonal von den Verkehrsbetrieben und mehr Polizisten. Belgiens Innenministerin Joëlle Milquet (CDH) kündigte an, dass 70 zusätzliche Polizisten ab dem Folgetag für mehr Sicherheit im Brüsseler Nahverkehr sorgen würden. Außerdem sollen bis Mitte 2013 für Brüssel dazu 300 weitere Beamte eingestellt werden.

Michelle Martin und das Kloster der Armen Klarissen

Das Strafvollstreckungsgericht von Mons gab Ende Juli grünes Licht für die vorzeitige Haftentlassung von Michelle Martin. Die Ex-Frau und Komplizin von Kindermörder Marc Dutroux durfte das Gefängnis unter Auflagen verlassen. Ihr Anwalt zeigte hoch erfreut und erklärte, die Justiz habe schlicht und einfach geltendes Gesetz angewendet.

Seit dem Bekanntwerden der Dutroux-Affäre, Mitte der 1990er Jahre, saß Martin hinter Gittern. 2004 wurde sie zu 30 Jahren Haft verurteilt, auch weil sie die kleinen Mädchen Julie und Mélissa im Kellerverlies ihres Hauses verhungern ließ. So richtig frei ist Martin dank eines neuen Gerichtsbeschlusses nach 16 Jahren aber nicht. Sie musste sich in ein Kloster zurückziehen, abgeschottet vom Rest der Welt.

Die Ordensgemeinschaft der Klarissen in Malonne bei Namur erklärte sich nach reiflicher Überlegung bereit, Michelle Martin in ihren Reihen aufzunehmen. Die Öffentlichkeit in Belgien dagegen war entsetzt und konnte die Haltung der Nonnen nicht nachvollziehen. Widerholt wurde vor den Klostermauern protestiert.

Ende August bestätigte der Kassationshof, das höchste Gericht des Landes, die vorzeitige Entlassung Martins aus der Haft. Unter Polizeischutz wurde Martin sie Malonne gebracht, wo sie von wütenden Demonstranten bereits erwartet und ausgebuht wurde. Doch dann wurde es still um sie und die Proteste ebbten ab.

Kurz vor Weihnachten sorgte Michelle Martin doch noch einmal für Schlagzeilen, als sie im Küstenbadeort Knokke zum Friseur ging und einen Einkaufsbummel machte. Doch, dabei verletzte sie keine der ihr auferlegten Auflagen, so die Justiz. Freigang sei unter Auflagen erlaubt, hieß es. Sie darf sich nur nicht in den Provinzen Lüttich und Limburg aufhalten, wo die Angehörigen der Opfer von Dutroux und seinen Helfershelfern leben.

Der Brüsseler Weihnachtsbaum

Von sich reden machte zum Ende des Jahres auch der Brüsseler Weihnachtsbaum, beziehungswiese sein Ersatz. Denn auf dem Großen Markt in der belgischen Hauptstadt stand in diesem Jahr zum ersten Mal keine echte Tanne, sondern eine 20 Meter hohe Struktur aus Metall und digitalem Licht, die an einen Christbaum erinnern soll, wie die Verantwortlichen im Brüsseler Ratshaus angaben.

Die anderen, Brüsseler und Touristen, sprachen von einem hässlichen Kunstwerk, das nicht in die Weihnachtszeit passen würde. Im Internet unterschreiben über 12.000 Menschen eine Petition und fordern den guten alten Tannenbaum zurück, der übrigens in den Jahren davor aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens kam - ein Geschenk der dortigen Landesregierung.

Als der Weihnachtsmarkt in Brüssel Anfang Dezember eröffnet wurde, waren sogar Protestufe zu hören. Doch abends, bei Dunkelheit, erstrahlt der metallene Weihnachtsbaum in einem bunten Farbenspiel und ob dieser Schönheit verstummten die Proteste, die auch von ausländischen Medien aufgegriffen wurden, recht schnell. Am 29. Dezember wurde der digitale Weihnachtsbaum dann wieder abgebaut.