Belgien hat Perspektive, aber die Braut muss glänzen

Die Konjunktur wird wieder anziehen, daher muss Belgien vorneweg laufen und nicht hinterherziehen, findet der Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Belgisch-Luxemburgischen Handelskammer / AHK debelux in Brüssel, Hans-Joachim Maurer. Mit ihm hat flanderninfo.be am Donnerstag ein Gespräch über Belgien als Investitionsstandort aus der Sicht Deutschlands und belgischer Niederlassungen deutscher Unternehmen geführt. Dieser Bericht ist Auftakt einer Reihe von Artikeln von flanderninfo.be über Themen, die Belgiern und Deutschen besonders am Herzen liegen. Sie erscheinen ab diesem Jahr an dieser Stelle regelmäßig.

“In der gegenwärtigen Konjunkturlage, die prinzipiell seit 2008 herrscht, hat der Standort Belgien aus deutscher Sicht fast keine Faktoren zu bieten, die ihn positiv im Vergleich zu den Niederlanden, Frankreich und Luxemburg hervorheben”, beschreibt der Hauptgeschäftsführer der AHK debelux, Hans-Joachim Maurer, in Brüssel den Standort Belgien aus Sicht deutscher Investoren. Zudem habe sich ein entscheidender Punkt, nämlich die Indexierung der Löhne, aus Sicht des Standorts Belgien nicht in eine positive Richtung bewegt.

So habe Maurers Kollege, der Fachbereichsleiter für Recht und Steuern, 2012 nur drei Unternehmensgründungen von belgischen Niederlassungen deutscher Unternehmen durchgeführt. Das sei im Vergleich zu starken Konjunkturjahren weniger als die Hälfte. Und die großen Niederlassungen deutscher Unternehmen, die bereits hier seien, würden wegen der gegenwärtigen Konjunktur nur das Nötigste in ihre belgischen Standorte investieren. Trotzdem schaut der Wirtschaftsgeograph Maurer positiv in die Zukunft. Mit anziehender Konjunktur würden auch wieder ausländische Aktivitäten in Belgien zulegen. Maurer schätzt, dass die Konjunktur hierzulande Ende 2013 / Anfang 2014 auf rund 2 Prozent real im kommenden Jahr wachsen dürfte.

"Es würde sich deshalb für Belgien lohnen, sich als Braut schon jetzt hübsch zu machen, bevor die Konjunktur wieder anzieht", mahnt der gebürtige Berliner, der in Deutschland, der Schweiz, Norwegen, den USA und Finnland gelebt und gearbeitet hat und derzeit in Belgien wohnt. Jetzt gelte es, in Belgien unter anderem politische Stabilität zu demonstrieren, die Infrastruktur auszuweiten - zum Beispiel indem der Scheldezugang zum Hafen in Antwerpen weiter vertieft werde - und die nicht-akademischen Ausbildungsgänge attraktiver zu gestalten. So habe das Handwerk in Belgien immer noch einen viel zu schlechten Ruf. In Ländern wie Deutschland, der Schweiz und Österreich, in denen es das duale Ausbildungssystem gebe, sei die Arbeitslosigkeit junger Leute signifikant niedriger als in Ländern, in denen es das nicht gebe, wie in Belgien, so Maurer noch.

Duales Ausbildungssytem bei Audi Brussels SA/NV

Ein solches Ausbildungssystem nach deutschem Modell führt die AHK debelux seit Herbst 2012 für den Beruf des Anlagentechnikers zusammen mit Audi Brussels SA/NV durch. Die Ausbildung dauert zwei Jahre. Dabei wird eine Teilausbildung in der Schule (in einer französischsprachigen technischen Schule in Brüssel und in einer niederländischsprachigen technischen Schule in Halle) absolviert und das theoretische Wissen praktisch über eine betriebliche Ausbildung bei Audi erweitert. Im Herbst 2013 wird Audi in Brüssel zusätzlich mit der dualen Ausbildung zum Instandhalter beginnen. Die AHK debelux in Brüssel ist in Gesprächen mit anderen belgischen Niederlassungen deutscher Unternehmen, um für diese dualen Ausbildungen zum Beispiel auch zum ChemikantenIn oder zur EinzelhandelskauffrauMann mitzukonzipieren, zu organisieren und umzusetzen.

Traurig sei, so Maurer, dass AHK debelux über Ford Köln auch für Ford Genk eine duale Lehrlingsausbildung andiskutiert hatte. Nach der Ankündigung der Schließung von Ford Genk für 2014 im letzten Jahr werde das Werk jetzt jedoch nicht mehr nennenswert in Ausbildung investieren und auch ein hoffentlich neuer Investor werde duale Ausbildung wohl nicht gerade zu seiner ersten Priorität machen. Maurer ist optimistisch, dass sich ein Investor für die Produktionsstätte in Genk findet. Es dürfte wohl ein ausländischer Investor sein, der in Europa nach einem Montage- bzw. Produktionsstandort suche und darunter befänden sich offenbar zwei asiatische potentielle Investoren, so Maurer.

In welche Bereiche investieren?

“Zieht die Konjunktur wieder an und die Produktionskosten können im Vergleich zu den Nachbarländern Luxemburg, Frankreich und den Niederlanden reduziert, wenigstens aber stabil gehalten werden, gewinnt der Standort Belgien an Attraktivität”, ist Maurer überzeugt.

Mal abgesehen von der Autoherstellung, der es derzeit in ganz Europa schlecht gehe, hätte die Chemie- und verwandte Branchen mit ihrem "Riesenstandort" um den Hafen von Antwerpen, der noch ausbaufähig sei, weil es dort noch Flächen für Anlagen gebe, eine gute Zukunft. "Der Chemiestandort Antwerpen ist immerhin weltweit der zweitgrößte nach Houston (Texas) und soll es bitte auch bleiben." Als weitere attraktive Sektoren nennt Maurer Pharmazeutik, Logistik, Transport und Spedition, "weil Belgien ein großer Erzeuger und Abnehmer von Vor- und Zwischenprodukten ist, die hier endverarbeitet werden und große Häfen wie Antwerpen, Zeebrügge und Lüttich besitzt”. Belgien habe zudem eine “hochmotivierte und effiziente Agroindustrie”. Laut Statistisches Bundesamt in Wiesbaden hat unser Land von Januar bis Oktober 2012 Fleischwaren im Wert von 600 Millionen Euro nach Deutschland exportiert. Beim Backwarenexport (Kekse und andere Produkte) nach Deutschland betrug das Volumen von Januar bis Oktober 2012 immerhin 240,4 Millionen Euro. Auch Biotechnologie (hier steht vor allem Wallonien mit an Europas Spitze) sei zukunftsträchtig, fügt der Hauptgeschäftsführer der AHK debelux hinzu - wenn die Standortbedingungen, auch für die Forschung, stimmten. Ein weiterer wichtiger Aspekt, den Standort zu verbessern, wäre die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, so Maurer noch.

“Wenn wir Belgien als Standort und Markt empfehlen, dann vor allem auch, weil das Land eine Schnittstelle zwischen den Niederlanden und Frankreich ist. Dabei ist natürlich die Mehrsprachigkeit vieler Arbeitnehmer in Belgien ein Pluspunkt." Hierzulande, hebt der 62-jährige Hauptgeschäftsführer hervor, lebten allgemein gut ausgebildete und motivierte Menschen;  "ausländische" Unternehmen hätten es hier leicht, qualifiziertes Personal anzustellen. Daneben zählten Belgiens Straßen, Wasserstraßen und Eisenbahnsystem sowie das Gesundheitssystem zur Spitze Europas.

“Ein Ex-Belgien wäre uns zu teuer”

Jeder Geschäftsführer in Belgien verfolgt natürlich die belgische Politik und dazu gehört auch das Verhalten der Gewerkschaften. Im Unterschied zu Deutschland, wo die Gewerkschaften branchenorientiert sind, sind sie hierzulande politisch orieniert. In Deutschland wird also in der Regel mit einer Gewerkschaft verhandelt, zum Beispiel mit der IG Metall, in Belgien gleich mit mehreren Gewerkschaften (zum Beispiel christliche, soziale, liberale Gewerkschaft). “Das macht es für jeden Geschäftsführer längerwierig und schwieriger, Vereinbarungen zu diskutieren und zu treffen”, betont Maurer. “In Belgien besteht immer noch mehr konfrontatives Verhalten der Sozialpartner, in Deutschland ist es u.a. wegen der Mitbestimmung kooperativer.”

Auf die Frage, ob das Streben flämischer Nationalisten nach Konföderalismus und vor diesem Hintergrund öffentliche Diskussionen um die Zukunft Belgiens einen Einfluss auf das Investitionsverhalten deutscher Unternehmer in Belgien haben, antwortet Maurer: “Ich halte mehr Unabhängigkeit für die Regionen in Belgien wie in Deutschland auch für wünschenswert, aber falls sich Belgien aufspalten sollte, habe ich diverse Chefs belgischer Niederlassungen deutscher Unternehmen gehört, die laut überlegten, was sie im Anschluss an die Aufspaltung mit ihrem Betrieb machen würden. Sie müssten dann zum Beispiel eine Niederlassung in Brüssel, eine in Flandern und eine in Wallonien gründen. Das bringt unnötige Kosten mit sich. Dann würde 'Ex-Belgien' für sie zu teuer werden."

“Drei neue Klein-Märkte 'Ex-Belgiens' würden vom Kaufkraftvolumen im Verhältnis zu den Kosten, die das alles mit sich brächte, zu teuer. Niemand glaubt jedoch, dass die Separatisten in Flandern ausreichend politische Unterstützung erhalten werden, Belgien aufzuspalten."

Belgisch-deutscher Handel

Belgien hat – geht man von den Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden / destatis aus - traditionell in den letzten Jahren mehr Waren aus Deutschland ein- als nach Deutschland ausgeführt.

Der belgische Import aus Deutschland betrug von Januar bis Oktober 2012 laut destatis 37,1 Mrd. Euro. Der belgische Export nach Deutschland betrug von Januar bis Oktober 2012 laut destatis 32, 2 Mrd. Euro.

Deutschland ist wichtigster Exportmarkt für belgische Unternehmen. Belgiens Export nach Deutschland beträgt knapp 20 Prozent des belgischen Gesamtexportes. Auf Platz zwei und drei folgen Frankreich und die Niederlande. Umgekehrt ist Belgien der achtwichtigste Exportmarkt für Deutschland.

Wegen der engen Verflechtungen der beiden Volkswirtschaften leidet der deutsch-belgische Handel nicht sehr stark unter der anhaltenden Wirtschaftskrise. Der deutsche Export nach Belgien wird für das gesamte Jahr 2012 um ca. 5 Prozent im Vergleich zu 2011 zurückgehen. Er wird für das gesamte Jahr 2012 aber immer noch bei voraussichtlich 44, 6 Milliarden Euro liegen. Umgekehrt dürfte der deutsche Import aus Belgien 2012 im Vergleich zu 2011 um ca. 1,3 bis 1,5 Prozent zugenommen haben und voraussichtlich 38,7 Mrd. Euro betragen. (sämtliche Zahlen von destatis, Wiesbaden)

Die wichtigsten Produkte des deutschen Exports nach Belgien waren Pharmazeutische Erzeugnisse (Januar bis Oktober 2012). Die wichtigsten Produkte des belgischen Exports nach Deutschland waren in diesem Zeitraum Mineralölerzeugnisse, gefolgt von Kunststoffen.

In Belgien gibt es ca. 370 Niederlassungen deutscher Unternehmen (mit mindestens 50% Anteil deutscher Investoren). Sie beschäftigen rund 65.000 Menschen in Belgien. In Deutschland gibt es ca. 270 deutsche Niederlassungen belgischer Unternehmen (mit mindestens 50% belgischer Anteilseignerschaft). Sie beschäftigen rund 30.000 Menschen in Deutschland. (Zahlen von destatis, Bundesbank, Belgische Nationalbank)