"Verrat! Skandalös! Unverantwortlich!"

Der internationale Stahlkonzern ArcelorMittal kündigte am Donnerstag an, die Kaltstahlverarbeitung in Lüttich teilweise stillzulegen. Sieben der insgesamt 12 Kaltstahl-Linien in Lüttich werden aufgegeben, was unmittelbar 1.300 Arbeitsplätze am Standort überflüssig werden lässt. Premier Di Rupo reagierte am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Davos erbost auf die Meldung.

ArcelorMittal gibt in Lüttich sieben der 12 dort betriebenen Kaltstahllinien auf. Der Stahlkonzern teilte der Belegschaft in einer außerordentlichen Betriebsratssitzung in Flémalle bei Lüttich mit. Dieser Schritt wird unmittelbar rund 1.300 Arbeitsplätze betreffen.

Der Konzern begründet diesen Schritt mit der anhaltenden Schwäche im weltweiten Stahlhandel. Gerade in Europa schwächele der Markt und liege derzeit etwa 30 % unter dem Umsatz, der vor der Wirtschaftskrise erwirtschaftet wurde. Alleine am Standort Lüttich seien in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres Verluste von rund 200 Mio. € eingefahren worden.

Die Gewerkschaften und die Politik in Lüttich reagieren geschockt auf die Ankündigung. Erst im vergangenen Jahr gingen an diesem traditionsreichen Standort 800 Jobs verloren, als die Warmstahlproduktion eingestellt wurde. Ein Sozialplan für die davon betroffenen Arbeitnehmer liegt bisher nicht vor. ArcelorMittal wollte zuerst Sicherheiten zu Zuschüssen und Investitionen von Seiten der wallonischen Landesregierung haben.

Kalt erwischt

Von politischer Seite her reagierte man besonders erbost auf die Ankündigung von ArcelorMittal, Teile der Kaltstahlverarbeitung in Lüttich zu schließen. Premierminister Elio Di Rupo (PS) gab am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Davos zu erkennen, noch am Mittwoch nach Belgien zurückzukehren. Vorher will er aber noch dem ebenfalls in Davos anwesenden ArcelorMittal-Boss Lakshmi Mittal ins Gebet nehmen:

"Ich werde ihm das Unverständnis der belgischen Autoritäten deutlich machen. Die föderale Regierung steht Seite an Seite mit der wallonischen Landesregierung. Wir stehen hinter den Arbeitern und ihren Familien. Die Arbeiter und die Politik haben bereits einige Anstrengungen unternommen, um die Aktivitäten von ArcelorMittal in unserem Land behalten zu können."

Andere Politiker in der Wallonie sind da weniger diplomatisch in ihren Ausführungen. Paul Magnette; frischgebackener Vorsitzender der frankophonen Sozialisten PS, sprach von "Verrat" und gab an, die Hinhaltetaktik des Unternehmens habe wichtige Zeit bei der Suche nach Übernahmekandidaten für die Werke verstreichen lassen: "Diese Haltung ist skandalös und unverantwortlich!"

Jean-Claude Marcourt (PS), der sozialistische Wirtschaftsminister des belgischen Bundeslandes Wallonien, verhandelt schon länger mit dem Stahlriesen über zusätzliche Investitionen in die Kaltstahlverarbeitung. Marcourt wurde von der Stilllegung von Teilen der Kaltstahlverarbeitung durch ArcelorMittal am Donnerstag denn auch „kalt erwischt“.

Enttäuschte Arbeiter

Die Arbeiter im Lütticher Stahlbecken sind wütend und beraten darüber, wie sie auf die Ankündigung der Schließung von Teilen der Kaltstahlverarbeitung bei ArcelorMittal reagieren sollen. Sie haben das Vertrauen verloren, sowohl in die Politik, als auch in die Gewerkschaften.

In Flémalle bei Lüttich, wo sich eine der von Schließung bedrohten Kaltwalzen befindet, haben Arbeiter die Eingänge mit einem großen Feuer blockiert. Schwarzer Rauch aus brennenden Reifen, Abfällen oder Paletten sorgt für bedrohliche Gerüche. Die Polizei hält sich auffallend zurück.

Die Gewerkschaftler werfen ihren Politikern, z.B. dem wallonischen Wirtschaftsminister Jean-Claude Marcourt oder Belgiens Premierminister Elio Di Rupo - beide PS, Versagen vor. „Sie helfen uns nicht, sie haben uns im Stich gelassen“, hörte man am Donnerstag oft in Lüttich.

Bis Anfang der kommenden Woche wird bei ArcelorMittal mit Sicherheit nicht gearbeitet. Am Montag sollen Verhandlungen zu einem Sozialplan beginnen.

Einst arbeiteten beim ArcelorMittal-Vorgänger Cockerill-Sambre bis zu 20.000 Stahlarbeiter. Nach Schließung von sieben der 12 Kaltwalzstraßen werden wohl nur noch knapp 800 von ihnen übrig bleiben. Ein weiteres soziales Blutbad droht Lüttich in baldiger Zukunft.