Ann-Kristin: "Wie ähnlich wir uns alle sind!"

Ann-Kristin Göbel ist eine der vielen deutschen Erasmus-StudentenInnen, die in Flandern studieren. Sie ist Anfang dieses Semester von der Uni Gießen an die Uni Gent gekommen. Sie schreibt Linde aus Belgien, die sich derzeit zum Erasmusaufenthalt in Bamberg (Deutschland) aufhält, dass ihr aufgefallen sei, mit welcher Disziplin viele belgische Studenten die Vorlesungen besuchen. An dieser Stelle veröffentlichen wir regelmäßig Emails von deutschen und belgischen Studenten, die mit Erasmus ins jeweilige Nachbarland gegangen sind.

Liebe Linde,

es freut mich sehr, dass Dir Bamberg und das Leben als Erasmus-Studentin in Deutschland so gut gefällt und Du all diese schönen Erfahrungen machen kannst. Ich muss zugeben, dass ich verblüfft bin, wie gut Du Deutsch kannst. Es ist wirklich erfreulich, wenn sich der Aufenthalt derart lohnt und die Tatsache, dass Du so engen Kontakt zu deutschen StudentInnen pflegen kannst, finde ich ebenfalls sehr gut. Nun möchte ich Dir ein bisschen von meinem Leben in Gent erzählen.

Viele Einheimische kennen gelernt

Als ich nach Gent kam war noch deutlich der Ausklang des Sommers zu spüren.

So konnte ich zu Beginn häufig auf der Terrasse verschiedener pittoresker Cafés sitzen und einen Tee genießen oder eine Tasse koffie verkeerd. Sobald die Uni ab Mitte September begann, hatte ich mich schon gute drei Wochen eingelebt und ein paar Kontakte zu anderen Erasmus-Studenten knüpfen können, nachdem ich einen dreiwöchigen Sprachkurs an der Universität Antwerpen besucht hatte. Trotzdem war ich nach wie vor neugierig und gespannt, wen ich noch kennenlernen würde.

So habe ich schnell auch Einheimische aus Westflandern und Ostflandern kennen gelernt. Auch manche Wallonen zählen inzwischen zu meinem Bekanntenkreis, was wiederum für meine Französisch-Kenntnisse förderlich und als Nebenfachstudentin der Galloromanistik äußerst interessant ist. Da ich die Amtssprache bereits beherrsche, und sie während meines Aufenthaltes noch erheblich verbessern kann, ist die Zeit in Gent sehr bereichernd. Auch der regelmäßige Austausch mit meiner belgischen Tandempartnerin ist eine wunderbare und fördernde Gelegenheit bei der Weiterführung meiner bisher errungenen Niederländisch-Kenntnisse, sowie dem Ausbau meines Wortschatzes. Dadurch dass ich in einer belgischen Familie gemeinsam mit zwei weiteren Erasmus-StudentInnen (Aroa aus Spanien und Ebru aus der Türkei) lebe, kann ich meine Sprachkenntnisse ebenfalls deutlich verbessern.

Die Möglichkeit, mit Flamen und Wallonen in Kontakt zu kommen, schätze ich sehr, denn es ist meines Erachtens nicht selbstverständlich als ausländische Studentin so nah an Einheimische zu kommen. Meist hört man doch immer wieder, dass Erasmus-Studenten unter sich bleiben.

Doch nicht nur mein Niederländisch hat sich erheblich verbessert. Auch kann ich mit meinen Erasmus-Freunden viel Englisch sprechen, was mir natürlich als Anglistik-Studentin unheimlich viel Spaß macht. Meine Freunde aus ganz Europa kann ich u.a. bei gemeinsamen Kochabenden sehen. Ein Beispiel ist unser International Christmas Dinner (Foto) oder das Käse-Fondue als nachträgliche Neujahrsparty, oder der Besuch des süßen kerstmarkt zwischen Sint-Baafskathedraal, Belfort und Stadshal. Gerade weil wir aus ganz unterschiedlichen Studienfachrichtungen kommen, genieße ich den Austausch über Alltagserlebnisse und den Kontakt im Allgemeinen sehr.

"Ich vermisse Herzlichkeit und Wärme im Umgang"

Eine Gegebenheit, die mir im Unialltag besonders auffällt, ist die Disziplin mit der viele belgische Studenten in der Uni und in Vorlesungen auftreten.

Aufgrund ihres jungen Alters - die meisten StudentInnen, mit denen ich gemeinsam in Englisch-Vorlesungen des 5.Fachsemesters sitze, sind 20 oder 21 Jahre alt, – bemühen sich sehr und sind oft sehr ehrgeizig und motiviert. Dabei frage ich mich oft, woher sie das haben. In Deutschland tritt häufig das Gegenteil auf. Viele der jungen deutschen Studenten toben sich in erster Linie so richtig aus - was ich vollkommen verstehen und nachvollziehen kann, schließlich ist das Studentenleben auch dazu da, eine gute und ausgelassene Zeit als junger Mensch zu genießen.

Bezüglich der Dozenten und Professoren bin ich auch sehr positiv überrascht. Sie wirken viel nahbarer und zugänglicher als die meisten derer, die ich an meiner Heimatuniversität in Gießen bisher kennenlernen und erleben durfte. Dies bedeutet jedoch noch lange nicht, dass ich Deutschland und meine Unistadt Gießen nicht vermisse.

Im Gegenteil: Manchmal vermisse ich die Herzlichkeit und Wärme, mit der bei uns miteinander umgegangen wird. Durch den hohen Leistungsdruck und die Konkurrenz untereinander wirken manche der belgischen Studenten meist abgespannt und unausgeglichen. So gesehen auf der Straße, wenn ich mal wieder dem ein oder anderen eingeschworenen Grüppchen einheimischer Studenten ausweichen darf, weil sie partout nicht einen Schritt zur Seite machen wollen. Vor allem unfreundliche und gestresste Gesichter begegnen mir häufig auf dem Campus und in den Mensen. Das macht mich manchmal etwas missmutig.

Abschreckend sind auch definitiv betrunkene Studenten, die das dopen, also die Aufnahmerituale ihres jeweiligen kring während des Semesters bestehen müssen, und daher regelmäßig die Bürgersteige um die Uni herum verunreinigen.

Viel los in der Unistadt Gent

Allerdings hat mich die Universitätsstadt Gent an sich sehr positiv überrascht. Daher möchte ich an dieser Stelle hervorheben, was mir besonders gut am Campusleben in Gent gefällt.

Dies sind der Campus und die Aufteilung der Stadt in studentische Bereiche und Einkaufszentrum. Denn hier befinden sich die Uni und die meisten ihrer Institute und Fakultäten aus meiner Sicht als ein die Studenten umgebendes und schützendes Nest an einem Ort mitten auf einem Berg in der Stadt, eingerahmt vom historischen Stadtzentrum mit wunderschönen Einkaufszeilen und einem gut ausgebauten Straßennetz.

Neben guten Ausgehmöglichkeiten gibt es auch eine Vielzahl Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen. Das Programm des Hochschulsports der UGent und der HoGent umfasst so ziemlich alles, was ich auch aus Gießen gewohnt bin und was jeden Teamsportler und Freizeit-Sportler erfreut. Auch für Jogger bietet Gent viele Möglichkeiten, sich läuferisch auszutoben. Ich laufe gerne entlang der Leie und auch die Strecke um die Watersportbaan ist sehr geeignet, denn dort wurde ein spezieller Untergrundboden auf dem Weg angelegt, der sehr zum Laufen einlädt.

Wer mehr Wert auf kulturelle Aktivitäten legt, dem seien die Konzerte des Uni-Chores und des Uni-Orchesters (studentenfanfare) ans Herz gelegt. Außerdem bieten die verschiedenen Museen in Gent interessante Möglichkeiten, um etwas Ablenkung von der Alltagsroutine zu bekommen. Dazu gibt es Ende November durch die Museumsnacht ein hervorragendes Angebot kostenlos alle Museen nachts zu erleben und zu besuchen.

Die Sprache und das Radfahren werde ich vermissen

Was die öffentlichen Verkehrsmittel angeht, finde ich, ist man hier wirklich durch die gute Tramanbindung verwöhnt. Da ich ganz in der Nähe von Gent St.Pieters wohne, nutze ich diese gerne mal, um bis zu Verlorenkost zu kommen. Das geht wirklich schnell, wenn sich Fahrrad fahren aufgrund des Wetters nicht anbietet. Die restliche Zeit fahre ich jedoch fast ausschließlich mit dem Rad zur Uni, denn dies ist die schnellste Möglichkeit, gut und sicher dort anzukommen.

Ich bin wirklich besonders angetan, dass es hier so viele gut ausgebaute Radwege gibt und die meisten Auto- und Busfahrer nehmen viel Rücksicht auf die Rad fahrenden Studenten. Das Fahrradfahren und die Sprache sind zwei Dinge, die ich sehr vermissen werde. Jedoch sind mir auch ganz besonders meine belgischen Freunde und mein gesamter Erasmus-Freundeskreis sehr ans Herz gewachsen.

Ich werde Gent stets als erfrischende und dynamische Stadt in Erinnerung behalten, wenn ich wieder in Gießenn bin und werde bestimmt auf einen Kurzbesuch zu den Gentse feesten im Juli fahren. Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit dem, was ich hier erfahren und kennenlernen darf. Ich werde Gent und die umgebenden Städtchen gerne immer wieder besuchen. Ich bin außerordentlich dankbar für diese Erfahrungen und alles, was ich in Gent und Umgebung erleben darf und kann es jedem nur wärmstens ans Herz legen, sich auch zu trauen und ein halbes Jahr im europäischen Ausland zu verbringen. Dabei wird jeder feststellen, wie ähnlich wir uns doch alle sind.

Groetjes aus Gent, Deine Ann-Kristin

Was ist ein kring?

"Ein kring ist eine Studentenverbindung/-vereinigung. Im Niederländischen sagt man dazu kring, weil es eine Art Zirkel ist; z.B. gibt es den Vlaamse Economische Kring, eine Verbindung für Studenten der Wirtschaftswissenschaften. Allgemein sind diese Studentenverbindungen in Flandern beliebt und traditionell“, erklärt uns Ann-Kristin.