Unbekannte Bilder, starke Geschichten

Belgien und seine Menschen haben in ihrer jungen und erst 180 Jahre alten Geschichte schon an vielen Kriegen oder bewaffneten Konflikten teilgenommen. Manchmal als Staat und auch nicht selten aus privater Initiative. Und wie vieles auf der Welt sind zu diesen Kriegen und Konflikten die entsprechenden Fotografien entstanden. Solche Fotos und die Geschichten, die diese erzählen, sind in einer bemerkenswerten Ausstellung in Gent zu erleben: „Unbekannte Bilder, starke Geschichten – Belgier im Krieg“.
Foto: Privatsammlung (R) Archiv

Viele Menschen aus und in Belgien haben in der Geschichte des Landes an Kriegen teilgenommen: als Soldaten, als freiwillige Söldner, erzwungen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren, als Ärzte oder Pfleger und auch als Journalisten oder Schriftsteller. Von diesen Menschen und diesen Kriegen existieren hunderttausende, wenn nicht mehr, Fotografien. Das ist noch nicht einmal ein Zufall, denn Belgien ist in etwa so alt, wie die Fotografie.

Die Kuratoren und Autoren der Ausstellung „Unbekannte Bilder, starke Geschichten – Belgier im Krieg“ in der Sint-Pieters-Abtei in Gent haben 20 dieser Bilder ausgesucht und erzählen anhand von weiteren Fotos, von Dokumenten und aus teilweise vertonten Erzählungen die passenden Geschichten dazu. Dabei geht es um Heldentaten aber auch um Dramen oder Einzelschicksalen.

Die Palette dieser Geschichten reicht von der Kolonialzeit Belgiens und deren Ende, über flämische Freiwillige in den Buren-Kriegen, den Auswirkungen der beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert bis hin zu Idealisten, die es aus unserem Land in Richtung lateinamerikanischer Revolutionen zog.
 

Nach Neugierde kommt Entsetzen

Nicht selten sind es eher unscheinbare Bilder, die Aufmerksamkeit erzielen. Eines zum Beispiel zeigt an einem Straßenrand im Kongo abgelegte Leichen und einen Kinderwagen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich die Toten als Weiße, als Belgier. Der Zeitpunkt, die 1960er Jahre, bringt mehr Deutlichkeit und Vermutungen  - die Unabhängigkeit Kongos von Belgien - und dann will man es wissen. Es handelt sich bei den Leichen um einige der letzten Belgier, die versuchen, Stanleyville zu verlassen.

Damals wanderten etwa 300 von ihnen zum Flughafen der Stadt, um in die belgische Heimat zu flüchten. Doch sie werden von Simbas angegriffen, junge kongolesische Freiwillige, die die ehemaligen Kolonialherren hassen. Bevor belgische Fallschirmsoldaten eingreifen können, erschießen die Simbas dutzende Menschen, drei davon waren, wie weitere kleine interaktiv abzurufende Bilder zeigen, ein Vater und seine noch jungen Zwillinge. Die Mutter überlebte schwerverletzt und erzählte den Machern der Ausstellung ihre Geschichte, die man über Kopfhörer hören kann.

Gelungenes Zeitdokument interaktiv erzählt

Diese und andere derart aufgearbeitete Geschichten zeigen, was Kriege mit Menschen anrichten. Die Ausstellung nutzt die Möglichkeiten, die die digitalen Techniken heute bieten und sie nutzt die Kraft der Bilder, auch wenn die Kuratoren Wert auf die Aussage legen, dass sie bewusst auf fotografische Ikonen, wie sie Kriege nun mal bieten, verzichtet haben.

Die 20 Bilder hinterfragen nicht vordergründig den Krieg, sondern sie zeigen dessen Dramen anhand von Einzelschicksalen und einzelnen Ereignissen, an denen Belgien oder Belgier beteiligt waren: Söldner in Südafrika; Idealisten in Nicaragua; Soldaten, die während der Besetzung des deutschen Ruhrgebiets nach dem Ersten Weltkrieg einem Bombenanschlag zum Opfer fielen; Kollaborateure und Widerständler im Zweiten Weltkrieg uvm.

Viele Wissenschaftler, Historiker, Archive und Dokumentationszentren haben zum Gelingen dieser einzigartigen Ausstellung in der Sint-Pieters-Abtei in Gent beigetragen. Journalisten und Fotografen haben ergänzend dazu beigetragen. Die gezeigten Bilder entfalten ihre ganze Kraft, die durch die passenden Geschichten noch unterstrichen wird.

Fazit

Fotografien können die Welt und ein kleines Land, wie Belgien, vielleicht nicht besser machen, doch ihre Kraft regt den Einzelnen zum Nachdenken an. An Nachrichten von hunderten und tausenden Toten in fernen oder nicht mehr so fernen Ländern haben wir uns fast schon gewöhnt. Doch ein Bild und ein Schicksal greifen den Betrachter persönlich an und führen so zur Bildung einer Meinung.

„Unbekannte Bilder, starke Geschichten - Belgier im Krieg“ ist noch bis zum bis zum 21. April in der Sint-Pieters-Abtei, Sint-Pietersplein 9 in 9000 Gent zu sehen. Montags geschlossen. Die interaktive Ausstellung wird in den Sprachen Niederländisch, Französisch und Englisch angeboten. Weitere Infos: www.sintpietersabdijgent.be