"Ich lief wie ein Geist durch die Korridore"

"Das ist die Geschichte irgend einer bürokratischen Einrichtung in Europa, nicht nur die der europäischen Institutionen. Das könnte überall sein. Die gleichen Details findet man in vielen Institutionen. Meine Fotos zeigen die ganze Idee rund um die Bürokratie", erklärt der Fotojournalist Wiktor Dabkowski aus Polen als ich ihn bei der Pressekonferenz Anfang Februar in Brüssel frage, warum seine Fotos in der Ausstellung im Brussels Press Club Europe, rue Froissartstraat, keine Untertitel tragen.

Wiktor lebt schon seit vielen Jahren in Flandern, aber eine flämische Geschichte ist bei seinem Fotoshooting nicht zustande gekommen, obwohl er ursprünglich eine Ausstellung über die flämische Identität machen wollte.

"Ich habe keine Leute gefunden, die mir  sagen konnten, was die flämische Identität is. Ich habe zwei Monate lang Fotos hierzu gemacht und bin die ganze Region abgefahren. Ich habe die vielen Fotos einigen Fotographen gezeigt und die sagten mir, dass ich die gleichen Fotos auch in anderen Ländern gemacht haben könnte", so der 40-jährige im polnischen Plock geborene Fotojournalist, der heute mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern in Zaventem (Flämisch-Brabant) wohnt.

"Sie haben nicht gesehen, was ich mit den Fotos ausdrücken will. In diesem Moment hatte ich begriffen, dass ich nicht genug über  Flandern weiß. Es gibt keine Verbindung zwischen mir und Flandern, obwohl ich hier lebe. Ich habe also nach einem Thema gesucht, das mir nahe ist."

Die Welt der Bürokratie

Für den Künstler Wiktor Dabkowski, der sechs Jahre lang als Fotograph und Journalist in den Räumen der EU-Institutionen gearbeitet hat, dort auch noch akkreditiert ist und einen "persönlichen Bezug zu diesen Gebäuden" hat - Fotos von ihm sind auch schon in deutschen Zeitungen wie im Focus, Spiegel oder Handelsblatt erschienen - war es deshalb naheliegend, die Ausstellung über "den Mann hinter dem Schreibtisch" zu machen.

So hatte er nämlich die Ausstellung ursprünglich genannt. Da ihm der Name jedoch zu lang erschien, riet ihm eine Eurokratin und Freundin, die Ausstellung in Wonderland umzutaufen.

Die Fotoaufnahmen sind in der Tat in den Räumen der EU-Einrichtungen in Brüssel, Straßburg und Luxemburg entstanden - eine wundersame Welt? Ja, das treffe zu. Wiktor zeigt die Welt der Bürokratie, darunter endlos leere Gänge, Bürokraten ohne Kopf, Aktenkisten, die auf einen Umzug warten, Stapel von TV-Kassetten, die archiviert werden müssen oder leere fleckige Sessel.

Stillleben auf den Fotos - es sind fast keine Bewegungen zu sehen: "Das ist meine Art und Weise die Institutionen zu sehen. Man kann diese zeitweiligen Dinge monate-, manchmal sogar jahrelang fest an einem Ort liegen oder stehen sehen. Vielen Leuten fallen sie schon gar nicht mehr auf, mir schon."

"Jeder, der sich die Bilder ansieht, kann seine eigene Geschichte daraus ersinnen." Auf seinen Fotos seien deshalb auch keine Gesichter zu sehen: "Ich wollte etwas Globales, nichts Persönliches zeigen. Gesichter verleihen den Bildern immer etwas sehr Persönliches."

"Ich bin allein, wie ein Geist, durch die Korridore hier in Brüssel aber auch in Straßburg gelaufen. Die Probleme fingen an, als ich Plätze im Europäischen Parlament in Luxemburg fotografieren wollte. Vor allem im Plenarsaal dort wurde ich von Sicherheitsbeamten auf Schritt und Tritt begleitet und immer, wenn ich irgendwohin gehen wollte, haben sie mir gesagt, dass dort nichts außer Archive seien."

"Es gibt dort viele schöne Plätze, einige davon sind leer, einige sehr alt, sogar noch aus den 60er Jahren. Ich habe keine Ahnung, warum sie mir nicht erlauben, dort herumzulaufen, um das zu fotographieren, was ich will. Ich denke, die Sicherheitsbeamte dort sind Journalisten in den Gebäuden nicht gewohnt. Für die war ich sehr verdächtig."

Verloren in den Korridoren

Wer schon einmal eine europäische Institution besucht hat, weiß wie sehr manche Gebäude einem Labyrinth gleichen. Auch Wiktor hat diese Erfahrung gemacht, vor allem in Straßburg.

Das Europäische Parlament in Straßburg sei so verwirrend, dass er jedes Mal, wenn er dort sei, immer wieder verloren gehe und sich durchfragen müsse - sogar noch nach sechs Jahren, obwohl er monatlich dorthin fahre.

"So bin ich auf alte TV-Studios in den Institutionen in Straßburg gestoßen. Die werden jetzt als Abstellkammern genutzt. Das sieht unglaublich aus. Ich habe kleine Räume gefunden, die derzeit eigentlich leer sind, aber man kann sehen, dass einige Leute sie für sich nutzen", erzählt Wiktor noch auf englisch.

Seine Fotosession ist mit dieser Ausstellung und den noch relativ wenigen gezeigten Fotos jedoch noch nicht zu Ende. "Ich bin immer noch an der Geschichte dran - solange, bis ich genug Fotos zusammen habe, um ein Buch daraus zu machen. In sechs Monaten hoffe ich."

"Dies ist die Geschichte von 40.000 Leuten, die ihre Heimat verließen, um ein Teil der Bürokratie zu werden", heißt es unter anderem in einem Pressebericht zur Ausstellung von Wiktor Dabkowski. "Dies ist die Geschichte eines Mannes und seiner Umgebung und letztlich ist es die Geschichte der Einzigartigkeit gewöhnlicher Dinge und der Gemeinsamkeit außergewöhnlicher Dinge."

Die Ausstellung läuft noch bis zum 25. Februar 2013.

Adresse: Brussels Press Club Europe asbl, Rue Froissartstraat 95,1040 Brüssel